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SZ-Interview mit Bernd Huber

Eine Frage der Lebensleistung

München, 24.10.2013

LMU-Präsident Professor Bernd Huber im Interview mit der Süddeutschen Zeitung:

LMU-Präsident Bernd Huber

Süddeutsche Zeitung: Für den Deutschen Hochschulverband, die Interessenvertretung der Universitätslehrer, hat Annette Schavan den Status einer "durch die Universität Düsseldorf überführten Plagiatorin". Welchen Status hat Schavan für Sie?
Bernd Huber: Man muss zwei Dinge auseinanderhalten. Man hat diesen Plagiatsvorwurf, der eingehend diskutiert wird. Und auf der anderen Seite hat man ihre große Erfahrung als Hochschulpolitikerin.

Noch einmal, welchen Status hat Frau Schavan für Sie?
Ich habe keine Veranlassung, mich öffentlich über das Plagiatsverfahren zu äußern. Dazu fehlt es mir auch an der notwendigen Sachkenntnis. Für mich ist wichtig, dass sie sich in der Vergangenheit große Verdienste erworben hat. Das Ganze erfordert ein gewisses Differenzierungsvermögen.

Aber Sie haben öffentlich gesagt, dass das Verfahren der Uni Düsseldorf unterschiedlich bewertet wird. Halten Sie den Entzug des Titels für angemessen?
Ich habe keine Veranlassung, ein Urteil über die Arbeit der Kollegen in Düsseldorf zu treffen. Ich sehe in der Berufung von Frau Schavan aber auch keinen "Verstoß gegen den akademischen Comment".

Davon hatte der Hochschulverband gesprochen, er hält die Berufung für einen Affront gegenüber der Uni Düsseldorf.
Aus Düsseldorf wurde kein derartiger Vorwurf an mich herangetragen.

Der Informatik-Professor François Bry fordert in seinem Blog eine Stellungnahme der Uni-Leitung zum Plagiatsvorwurf. Wie reagieren Sie auf einen solchen Wunsch und die Kritik aus Ihrer eigenen Uni an der Berufung?
Ich will keine einzelnen Äußerungen kommentieren. Aber ich will schon anmerken, dass es auch sehr viele positive Stimmen gibt, der Soziologe Nassehi, der Theologe Levin und der Chemiker Carell haben sich für Frau Schavan im Hochschulrat ausgesprochen. Insgesamt ist das Meinungsbild sehr differenziert.

Professoren aus Sprach- und Geisteswissenschaften greifen zu Formulierungen wie "völlig daneben", "eigentümliches Signal", "bin entsetzt". Geht ein Riss durch die Uni?
Nein, das sehe ich nicht. Die LMU hat 700 Professorinnen und Professoren. Dass es da heterogene Meinungen gibt, ist normal. Ich respektiere selbstverständlich die kritischen Stimmen. Es gibt aber verschiedene Wege, zu Entscheidungen zu kommen, per Urwahl, Vollversammlung oder Twitter. Bei uns entscheidet laut Gesetz über Berufungen in den Hochschulrat der Senat, ein Gremium der repräsentativen Demokratie, wenn man so will. Er wird von allen Mitglieder der LMU gewählt. Der Senat hat Frau Schavan einstimmig bestätigt, wie im Übrigen auch Hilbert von Löhneysen, was derzeit etwas untergeht.

Wer hatte die Idee, Schavan zu berufen?
Ich glaube, die muss ich mir selbst zuschreiben. Ich habe mir dazu aber die Meinung vieler Kolleginnen und Kollegen und anderer eingeholt. Da gab es auch Stimmen, die abgeraten haben, aber mehrheitlich bin ich auf Unterstützung gestoßen, schließlich habe ich den Vorschlag dann mit dem Ministerium abgestimmt.

Physikdekan Axel Schenzle, dessen Rat Sie schätzen, sagt, man hätte besser gewartet, wie Schavans Klage gegen den Entzug des Doktortitels ausgeht.
Zu einzelnen Gesprächen, die ich geführt habe, sage ich nichts.

Wenn sich jemand bei Ihnen beklagt, dass ihm die LMU den Doktortitel aberkennt, würden Sie zur Klage raten?
Das kommt auf den Einzelfall an und hat nichts mit Frau Schavan zu tun.

Schavan hat sich bisher nicht zu ihrer Aufgabe an der LMU geäußert. Würden Sie sich wünschen, dass sie einmal erklärt, wie sie der LMU helfen will?
Das muss Frau Schavan selbst entscheiden.

Ist eine Person, der der Doktortitel entzogen wird, im Hochschulrat tragbar? Einige, etwa der Dekan der Fakultät für Geschichts- und Kunstwissenschaften, meinen: nein.
Es kommt, wie gesagt, auf den Einzelfall an. Das kann man abstrakt nicht beantworten.

Konkret: Wie wäre es im Fall Schavan?
Ich habe mir abgewöhnt, über den Ausgang von Gerichtsverfahren zu spekulieren.

Sie sollen ja nicht vorhersagen, wie das Gericht urteilt. Aber Sie müssen doch überlegt haben, was eine Niederlage von Schavan vor Gericht für ihre Tragbarkeit als Hochschulrätin bedeuten würde.
Das ist keine Entscheidung zwischen Null und Eins vor Gericht, da gibt es eine ganze Bandbreite von Möglichkeiten, über die spekuliere ich nicht. Warten wir ab, wie der Prozess ausgeht.

Gibt es eine Abmachung, dass sie zurücktritt, wenn sie verliert?
Nein.

Im Internet finden sich viele Kommentare von Leuten, die offenbar aus der LMU kommen. Sie sorgen sich um die akademische Glaubwürdigkeit ihrer Uni.
Zum Selbstverständnis der LMU gehören integres und sauberes wissenschaftliches Arbeiten. Das ist keine Frage. Den Gedanken, dass die hohe Reputation der LMU beeinträchtigt wird, halte ich für daneben.

Obwohl es bei der LMU-Hochschulrätin Schavan den Verdacht gibt, dass sie diese Standards nicht eingehalten hat?
Ich finde, man kann die Lebensleistung von Frau Schavan nicht auf die Plagiatsfrage verkürzen.

Aber Sie blenden die Sache aus, das sorgt für Irritationen.
Dass man alle Gesichtspunkte abwägen muss, ist ja klar. Wir haben für den Hochschulrat ein spezifisches Aufgabenprofil, das Frau Schavan sehr gut erfüllt. Das war der Leitgedanke bei der Entscheidung.

Dann müsste sie auch ohne Doktortitel Hochschulrätin bleiben können, ihre Kompetenz bleibt ja.
Wie gesagt, ich spekuliere nicht über den Ausgang von Prozessen.

Hätte Schavan auf das Amt verzichten müssen, so lange der Prozess läuft?
Aufgrund einer Gesetzesänderung musste der Hochschulrat um zwei externe Mitglieder vergrößert werden. Die Bestellungen waren zum 1. Oktober nötig.

Welche Rolle soll Schavan spielen, die einer Lobbyistin der LMU in Berlin?
Das ist nicht die Aufgabe des Hochschulrats, er soll beraten. Es wird in den nächsten Jahren um so zentrale Themen wie etwa die Reform des Grundgesetzartikels 91b gehen, also die Frage, ob der Bund sich verstärkt an der Finanzierung von Hochschulen beteiligen darf. Es wird um das Verhältnis zu außeruniversitären Forschungseinrichtungen gehen, um Internationalisierung. Da ist Frau Schavan außerordentlich geeignet und eine wichtige Verstärkung.

Im Senat heißt es, die LMU hoffe durch Schavan auf ein paar Millionen Euro mehr aus Berlin.
So simpel gehen die Dinge nicht. Es geht mir darum, dass wir uns in den Debatten gut positionieren. Aber wir erhoffen uns von Mitgliedern des Hochschulrats, dass sie für die Anliegen der LMU eintreten.

Inwiefern ist Schavan durch die Diskussion vorab beschädigt?
Den Eindruck habe ich überhaupt nicht.

Sehen Sie Anlass, noch einmal in der Uni über die Entscheidung zu sprechen?
Ich rede mit allen, die in der Frage ein Gespräch wünschen. Und ich spreche bald beim Konvent der wissenschaftlichen Mitarbeiter, da ist eine Diskussion geplant.

Interview: Sebastian Krass

Copyright: Süddeutsche Zeitung GmbH, München. Mit freundlicher Genehmigung von http://www.sz-content.de (Süddeutsche Zeitung Content).

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