Ludwig-Maximilians-Universität München
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Eine „Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert“

Zwischen Utopie und Untergang, zwischen Extremen und Exzessen

München, 23.12.2010

„Kein europäisches Land war so bunt, vielseitig und kompliziert wie Jugoslawien. Wegen seiner turbulenten Geschichte gilt es als Inbegriff balkanischen Durch- und Gegeneinanders, als Symbol für das rückständige, barbarische und abstoßende Andere auf unserem vermeintlich so zivilisierten Kontinent“, schreibt Marie-Janine Calic, Professorin für die Geschichte Ost- und Südosteuropas an der LMU München, in ihrem neuen Buch „Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert“. Der Bedarf für eine Gesamtdarstellung ist gegeben, denn noch immer ist die Literaturlage – zumindest in deutscher Sprache – dürftig. So steht zwar eine unüberschaubare Menge an Büchern und Aufsätzen zur Verfügung, die vom Zerfallskrieg der 1990er Jahre handeln. Sie aber interpretierten, so Calic, die Geschichte Jugoslawiens meist aus der Perspektive seines blutigen Endes, analysierten Geburtsfehler und apostrophierten die südslawische Staatsschöpfung als künstlich, um die Unausweichlichkeit des Scheiterns zu untermauern. „Jugoslawien erklärt sich jedoch nicht nur aus seinem Anfang oder Ende“, betont die Historikerin. „Immerhin existierte der Staat gut 70 Jahre lang, weshalb die Frage, was seine Völker so lange zusammenhielt und was sie entzweite, auch durch den Untergang noch nicht obsolet wurde.“ Ihr Buch versucht, deterministischen Erklärungen aus dem Weg zu gehen und die Geschichte Jugoslawiens als grundsätzlich ergebnisoffenen Prozess zu verstehen.

Das Werk nimmt „Abstand von populären Erklärungen des jugoslawischen Problems, die strukturelle Faktoren wie ethnokulturelle Gegensätze und zivilisatorische Inkompatibilitäten in den Vordergrund rücken“. Die Darstellung beginnt mit der südslawischen Bewegung und Staatsgründung von 1878 bis 1918 und führt dann vom ersten jugoslawischen Staat über die Zeit des Zweiten Weltkrieges bis zum sozialistischen Jugoslawien von 1945 bis 1980. Die beiden abschließenden Teile sind der Zeit nach Tito und dem Untergang Jugoslawiens ab 1991 gewidmet.

In ihren Schlussbetrachtungen schließlich schreibt Calic: „Am Anfang der südslawischen Idee stand die Aufklärung. Ihre Ideale von Fortschritt, Humanismus, Vernunft und Wissenschaft speisten die Vorstellung sprachlich-kultureller Gemeinsamkeit von Kroaten und Serben und lenkten das Verlangen nach Selbstbestimmung, Partizipation und Wohlstand auf ein konkretes politisches Vorhaben: die Gründung des Staates Jugoslawien.“

Was davon nach mehr als 100 Jahren wechselvoller Geschichte bleibt, ist ernüchternd: „Zu Beginn des 21. Jahrhunderts sind aus der Erbmasse Jugoslawiens sieben Nachfolgestaaten entstanden: Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Serbien, Montenegro, Makedonien und Kosovo. Mehr als vier Millionen Menschen wurden verschoben, um dem Ideal des homogenen Nationalstaates in einem Raum näherzukommen, dessen herausragendes Merkmal jahrhundertelang eine einmalige ethnisch-kulturelle Pluralität war.“

Publikation:
„Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert“, Marie-Janine Calic.
München: C.H.Beck 2010.

Ansprechpartner:
Professor Marie-Janine Calic
Fakultät für Geschichts- und Kunstwissenschaften
Tel.: 089 / 2180 – 5482
Fax: 089 / 2180 –  5656
E-Mail: mj.calic@lrz.uni-muenchen.de

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