Ludwig-Maximilians-Universität München
print

Links und Funktionen
Sprachumschaltung

Navigationspfad


Inhaltsbereich

Internetboom

Schneller, als die Zeitung erlaubt

München, 01.05.2014

Eine Branche im Umbruch: Christoph Neuberger erforscht, wie sich Medienlandschaft und Journalismus insgesamt verändern - eine Frage, wie sie auch im „Wissenschaftsjahr 2014“ von Bedeutung ist, das sich der „digitalen Gesellschaft“ widmet.

Foto: Goss-Vitalij / Fotolia.com
Foto: Goss-Vitalij / Fotolia.com

„Ein Polizeisprecher hat bestätigt: Es handelt sich um eine Geiselnahme.“ Das meldet die Tageszeitung Donaukurier am 19. August 2013 vormittags auf ihrer Website. Die Redakteure schreiben über das Geiseldrama in Ingolstadt an diesem Tag einen Liveticker im Internet: Im Abstand von wenigen Minuten veröffentlichen sie neue Entwicklungen. Drei Menschen hat der Geiselnehmer in diesem Moment in seiner Gewalt. Der Täter stehe unter starkem psychischem Druck, sagt ein Polizeisprecher.

Christoph Neuberger, Lehrstuhlinhaber am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der LMU, sitzt zur gleichen Zeit in seinem Büro am Englischen Garten und verfolgt gespannt den Liveticker. Er hofft wie alle, die von dem Geschehen erfahren, auf einen guten Ausgang. Aber ihn interessiert auch etwas anderes: Wie berichten die Redakteure des Donaukuriers über die Geiselnahme? Und wie nutzen sie dabei die Möglichkeiten des Internets? Das ist sein Spezialgebiet: Christoph Neuberger forscht darüber, wie sich die Medien und die öffentliche Kommunikation durch das Internet verändern.

+++10:19: Ein Polizeisprecher hat bestätigt: Es handelt sich um eine Geiselnahme. (…)+++
+++11.18 Uhr: Unbestätigten Gerüchten zufolge soll es sich bei dem Täter um den Stalker einer Angestellten handeln. Er soll aus der Psychiatrie geflüchtet sein. (…)+++
+++12:01 Der Täter soll mit einer Faustfeuerwaffe ausgestattet sein. (…)+++
+++12:06: Mittlerweile sind etwa so viele Pressevertreter vor Ort wie Polizisten.+++

630.000 Mal wurde der Liveticker auf www.donaukurier.de, aus dem hier nur beispielhaft einzelne Passagen zitiert sind, am Tag der Geiselnahme aufgerufen. Mehr als zehn Stunden lang hat die Zeitung ihre Leser live auf dem Laufenden gehalten. Damit konnte sie die Vorteile des Internets für sich nutzen: Sie hat ihre Leser schneller informiert, als dies mit der kommenden Zeitungsausgabe möglich ist, die der Leser erst am Morgen darauf erhält.

Das Internet ist für Journalisten eine Herausforderung. Es macht vieles möglich: Redakteure können online nicht nur hochaktuell berichten, sie können auch Informationen archivieren und miteinander verknüpfen sowie in multimedialen Formaten Text, Bild und Ton verbinden. Dazu kommt die Interaktivität, Leser können direkt miteinander und mit Redaktionen in Kontakt treten.

„Das Internet hat verglichen mit den klassischen Medien keine technischen Grenzen. Diese Überfülle an Möglichkeiten wird aber zugleich zum Problem“, sagt Christoph Neuberger. „Wie geht man damit um und was macht überhaupt Sinn?“

Internetmedien: Beschleunigung statt Vertiefung

Seit 20 Jahren ist das Internet Teil des Mediengeschehens in Deutschland. In vielen Studien und Befragungen von Redakteuren und Lesern hat Neuberger seither den Umgang mit dem Medium analysiert. Die Ergebnisse zeigen, dass Onlineredaktionen eher das Potenzial des Internets zur Beschleunigung nutzen als jenes zur Vertiefung aktueller Themen. Nachrichten werden immer schneller gemeldet und aktualisiert. „Das steht in einem Spannungsverhältnis zur Sorgfaltspflicht“, stellt Neuberger fest.

Ein Liveticker wie der des Donaukuriers zur Geiselnahme ist eine Gratwanderung. Das Format gibt vor, in möglichst kurzen zeitlichen Abständen zu berichten. Viel Zeit zum Recherchieren bleibt da nicht. Und was, wenn nichts wesentlich Neues passiert?

+++14:21 Randnotiz: Die Essensstände am Viktualienmarkt haben ein Problem. Aufgrund der geplanten Wahlkampfveranstaltung mit der Kanzlerin haben sie groß eingekauft. Doch der Viktualienmarkt ist nun gesperrt. (…)+++
+++15:25: Wir stellen uns auch ganz banale Fragen: Was, wenn der Geiselnehmer oder die Geiseln auf die Toilette müssen? Und gibt es im Büro von Sepp Mißlbeck etwas zu trinken? (…)+++
+++17:14 Laut Polizei hat der Geiselnehmer bereits zweimal Verpflegung gefordert. Er wollte Döner essen.+++

Vor vier Jahren nutzten Redakteure des Magazins Focus erstmals den Kurznachrichtendienst Twitter, um live über den Amoklauf an einer Schule in Winnenden zu berichten. Die Premiere misslang. Das Magazin wurde scharf angegriffen, weil die Redakteure mangels neuer Fakten und Erkenntnisse auch der Situation Unangemessenes twitterten.

Im Rennen, immer die Ersten zu sein, die eine Nachricht vermelden, leisten einzelne Onlineredaktionen in Deutschland bereits eine 24-Stunden-Berichterstattung. Durch Nachtdienste ihrer Redakteure oder die Beobachtung von anderen Internetangeboten können sie aktuelle Ereignisse nun rund um die Uhr innerhalb kurzer Zeit melden. Christoph Neuberger sieht die Entwicklung skeptisch: „Es gibt keine Studien, die belegen, dass die Leser das wünschen und sie dadurch zufriedener sind. Hier wird Qualität durch Schnelligkeit simuliert.“ Mangels einer klaren Definition von Qualität würde der Wettbewerb über Messbares wie eben die Geschwindigkeit ausgetragen, für Neuberger die falsche Zielgröße.

Die jüngste Nutzerbefragung seines Lehrstuhls zeigt, welch unerwünschte Nebenwirkung diese Nachrichtenbeschleunigung im Netz hat: „Es besteht die Gefahr, dass man die Leser zu einer sehr oberflächlichen Nachrichtenrezeption erzieht. Sie geben sich mit Informationshäppchen zufrieden“, sagt Neuberger. Weil sie überall auf Nachrichten stoßen, fühlen sie sich immerzu auf dem Laufenden. Viele steuern nicht mehr extra eine journalistische Website an, um sich dort seriös und vertieft zu informieren.

Zugleich herrscht ein Überangebot. Es gibt weit mehr als 100 Tageszeitungen in Deutschland, alle haben einen Onlineauftritt, dazu kommen die tagesaktuellen Angebote der öffentlich-rechtlichen Sender und von Wochenmagazinen wie Focus und Spiegel, der mit spiegel.de der Marktführer unter den Nachrichtenseiten im Netz ist. Sie alle berichten über das aktuelle Geschehen – was nicht heißt, dass die Vielfalt entsprechend groß ist, denn viele greifen auf die Dienste derselben Nachrichtenagenturen zurück. Dadurch werden die Angebote austauschbar.

Christoph Neuberger ist lange Jahre Mitglied der Jury und Nominierungskommission des Grimme Online Awards gewesen, mit dem qualitativ hochwertige Online-Angebote auszeichnet werden. „In den vergangenen Jahren hat sich im professionellen Internet-Journalismus nicht viel Neues entwickelt“, sagt er. „ Gute Ideen entstehen zumeist an den Rändern des Netzes, an denen mit seinen Möglichkeiten experimentiert wird. Die Möglichkeit, inhaltlich in die Tiefe zu gehen, multimediafähige Reportagen zu erstellen und ganz neue Erzählweisen zu entwickeln, ist bisher in den Redaktionen noch weitgehend verschenkt worden. Dabei würde genau darin die Chance bestehen, sich vom Rest abzusetzen und Mehrwert für den Leser zu liefern.“ Neubergers Zwischenfazit angesichts der gängigen Onlineangebote nach 20 Jahren World Wide Web: „Man hat noch nicht ganz verstanden, wie das Internet funktioniert.“

 

Der vollständige Artikel „Schneller, als die Zeitung erlaubt“ ist in der aktuellen Ausgabe des Forschungsmagazins Einsichten erschienen.
Sie können Einsichten - Das Forschungsmagazin kostenlos abonnieren.