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Prognoseforschung

Einfach das richtige Ergebnis

München, 21.08.2013

Wie lässt sich der Ausgang der Bundestagswahl genau und doch einfach vorhersagen? Prognoseforscher Andreas Graefe hat ein Verfahren mitentwickelt, das er nun in Deutschland testet – nach erfolgreichen Durchläufen bei vergangenen US-Wahlen.

Foto: Deutscher Bundestag / Marc-Steffen Unger
Foto: Deutscher Bundestag / Marc-Steffen Unger

Wie lässt sich der Ausgang der Bundestagswahl genau und doch einfach vorhersagen? Prognoseforscher Andreas Graefe hat ein Verfahren mitentwickelt, das er nun in Deutschland testet – nach erfolgreichen Durchläufen bei vergangenen US-Wahlen.

Der Straßenwahlkampf hat längst begonnen, die heiße Phase sozusagen, und der Ton der Debatten wird schärfer. Rund einen Monat vor der Wahl sind ein paar entscheidende Fragen allerdings noch unbeantwortet: Wird es am Ende für Schwarz-Gelb reichen? Und schafft es die FDP überhaupt wieder in den Bundestag?

Andreas Graefe würde nach jetzigem Stand beide Fragen mit Ja beantworten. Seit Kurzem ist der LMU-Nachwuchsforscher mit dem Prognose-Portal PollyVote.de online. Und dort liegt die CDU/CSU derzeit bei 39,7, die SPD bei 24,9. Die Grünen kommen auf 12,6, die Linke schafft 7,3 Prozent. Danach kann Schwarz-Gelb mit einer dünnen Mehrheit im Parlament rechnen. Denn die FDP sieht PollyVote anders als beispielsweise die meisten der großen Umfrageinstitute wie Emnid, Forsa oder Infratest eher bei sechs als bei fünf Prozent. (Stand 21.8.2013 um 14 Uhr, aktuelle PollyVote-Prognose unter: http://pollyvote.ifkw.uni-muenchen.de)

„Das ist realistisch“, sagt Graefe, der am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung an der LMU arbeitet. „Bei fast allen Wahlen schneidet die FDP am Ende besser ab als in den Umfragen.“ Sie bekommt sogenannte Leihstimmen: Viele CDU-Anhänger geben doch den Liberalen ihre Stimme, wenn deren Wiedereinzug nicht sicher scheint. Bei der Niedersachsenwahl Anfang des Jahres lag die FDP in den Umfragen bei fünf, am Ende bekam sie 9,9 Prozent.

Piraten und AfD draußen

Ganz aktuell hat PollyVote eine neue Expertenumfrage eingespeist. Darin wertet Graefe die Einschätzungen von mehr als 100 Politikwissenschaftlern und –redakteuren aus: Auch sie sehen die FDP im Parlament, an der Parteienzusammensetzung werde sich nichts ändern, die Piraten und die AfD scheiterten an der Fünf-Prozent-Hürde. Und dass Angela Merkel eine weitere Legislaturperiode Kanzlerin bleibt, ist für die allermeisten ohnehin sicher.

Doch warum sollte man dem kleinen, in Deutschland neuen Portal womöglich mehr zutrauen als den etablierten Großen? Jede einzelne Methode, erklärt Prognoseforscher Graefe, habe ihre Stärken – und Schwächen. PollyVote, das ursprünglich in den USA entwickelt wurde, fügt all den ausgereiften Methoden nicht eine neue besonders ausgefeilte hinzu – es kombiniert die vorhandenen. Und je unterschiedlicher sie und die zugrunde liegenden Informationen sind, desto besser. Eine solche Spreizung gleiche systematische Fehler einzelner Prognosen aus und liefere damit gute Ergebnisse, sagt Graefe.

Obama immer vorne

Bei den US-Wahlen jedenfalls funktioniert das bestens. Die Wiederwahl Barack Obamas im November vergangenen Jahres sagte PollyVote sicher voraus, mit nur 0,9 Prozentpunkten Abweichung vom tatsächlichen Ergebnis. Bei den Erdrutschwahlen 2008 waren es 0,7, 2004 nur 0,3 Prozentpunkte. Andreas Graefe arbeitet seit Jahren bei PollyVote mit, mittlerweile ist er einer der Projektverantwortlichen. Insofern war die vergangene US-Wahl auch ein kleiner Sieg für ihn.

Die Vorhersagen von PollyVote sind nicht nur am Ende präzise, sondern auch über die Zeit ziemlich stabil. Im US-Wahlkampf gab es Zeiten, in denen viele der politischen Kommentatoren plötzlich Herausforderer Mitt Romney vorne sahen, etwa nach dem ersten Fernsehduell. PollyVote nicht: Im Schnitt der letzten 150 Tage vor der Wahl lag die Prognose nur ein Drittel Prozentpunkt neben dem tatsächlichen Ergebnis. Und über lange Monate sah das Portal stets Amtsinhaber Obama vorn, jenseits aller medialen Aufregung um Einzelereignisse. „Die haben meist nur einen geringen Effekt“, sagt Graefe. Wahlentscheidend war selbst die Lehman-Pleite 2008 als Auftakt der Finanzkrise nicht, wenngleich sie dem damaligen Herausforderer Obama zuspielte.

Wetten auf den Wahlausgang

Doch lassen sich die Erfahrungen aus den USA mit ihrem grundverschiedenen Wahlsystem auf deutsche Verhältnisse übertragen? Das ist genau die Frage, die sich Graefe in einem Forschungsschwerpunkt am Center for Advanced Studies (CAS) der LMU stellt. Vom Prinzip her habe er den Ansatz nicht verändern müssen. Den größten Unterschied sieht Graefe bei der deutschen Variante darin, dass bei einer der Komponenten, aus denen sich die PollyVote-Prognose zusammensetzt, nur vier statt wie in den USA 20 verschiedene Modelle zusammenfließen.

Zu den vier Komponenten, die Graefe für PollyVote.de auswertet, gehören drei sogenannte Prognosemärkte, auf dem Teilnehmer Wetten auf den Wahlausgang platzieren. Um die klassischen Umfragen zur Wahlabsicht abzubilden, greift Graefe auf die Ergebnisse zweier Dienste zurück, die ihrerseits bereits eine ganze Reihe von Umfrageergebnissen aggregieren, um deren Zuverlässigkeit zu erhöhen. Dazu kommen eine Handvoll ökonometrischer Modelle, die den Einfluss unterschiedlicher Faktoren auf den Wahlausgang abschätzen; darin gehen beispielsweise der Zustand der Volkswirtschaft und die Popularität des Amtsinhabers ein. Außerdem arbeitet PollyVote mit der bereits erwähnten regelmäßigen Expertenbefragung.

Ohne komplizierte Gewichtungen

Der eigentliche Clou liegt in der denkbar einfachen Kombination der einzelnen Prognosen. Die Polly-Vote-Macher bilden dafür schlicht die Mittelwerte – und verzichten auf jede komplizierte Gewichtung. Erst poolen sie auf diese Weise methodisch ähnliche Prognosen, im zweiten Schritt führen sie wiederum die daraus entstandenen Werte zusammen. Auch wenn das reichlich einfach klingen mag – Graefe nennt diese mechanische Kombination von Vorhersagen und ihre strikte Einhaltung „das Erfolgsgeheimnis“ und die „effektivste Regel zur Erstellung genauer Prognosen“.

Es sei eben eine Fehleinschätzung, dass es immer komplexe Verfahren brauche, um komplexe Fragen anzugehen; das zeige die Prognoseforschung schon lange. Genau das ist Graefes eigentliches Thema: zu zeigen, dass einfache Verfahren die effektiveren sein können. Anhand der Bundestagswahl will er diese These durchspielen. Und ganz abgesehen davon, dass er sich aus allen Spekulationen heraushalten will: Wer die Wahl gewinnt und wer am Ende mit wem koaliert, ist für ihn dabei nicht die entscheidende Frage. (math)

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