Ludwig-Maximilians-Universität München
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Neue Ausgabe des Forschungsmagazins

Digitaler Druck

München, 29.11.2013

Computer und Internet haben die Arbeit revolutioniert: Sie ist heute komplexer und dichter – aber auch effektiver? Der Soziologe Armin Nassehi untersucht, was sich für die Berufswelt und ihre Subjekte ändert.
 

Foto: Le-Dung-Ly/Science-Faction/Corbis
„Man hat womöglich keine Zeiten mehr, in denen Arbeit selbstverständlich keine Rolle spielt.“ (Foto: Le-Dung Ly/Science Faction/Corbis)

Ihr Abwesenheitsassistent übermittelt die hübsche Aufforderung: „In dringenden Fällen bewahren Sie bitte Haltung…“ Wie oft checken Sie im Urlaub doch Ihre dienstlichen E-Mails?

Nassehi: Ich muss gestehen, mehrmals täglich.

Und samstags und sonntags sowieso?

An den Wochenenden auch, ja.

Wie war das vor 10, 12 Jahren? Waren Sie da wirklich im Sommer dann mal weg?

Als Professor habe ich einen sehr privilegierten Job. Ich kann meine Zeit relativ frei einteilen und ich kann diese freien Zeiten nutzen, um angemessen zu arbeiten. Meine Bücher beispielsweise habe ich meistens in der traditionellen Urlaubszeit geschrieben. Vor zehn Jahren hatte ich da aber sicher deutlich weniger E-Mail-Verkehr. Mit der permanenten Erreichbarkeit wird Arbeit anders definiert, da hat sich einiges verschoben. Inzwischen würden wir ja sagen, wir arbeiten besonders gut, wenn wir nicht erreichbar sind, obwohl diese Techniken dafür eingerichtet worden sind, besonders gut arbeiten zu können, weil man immer erreichbar ist. Das ist eine interessante Paradoxie: Vorher war das Problem, dass man nicht erreichbar war. Jetzt ist das Problem, dass man erreichbar ist.

Damals war die Technik weniger leistungsfähig. Um die digitale Explosion seitdem zu beschreiben, gibt es viele Kennzahlen. Ein Smartphone beispielsweise hat heute eine Rechenkraft wie vor sieben Jahren nur ein hochgerüsteter PC. Die Zahl der weltweit versandten E-Mails hat in dem letzten Dutzend Jahre um das 60-Fache zugenommen. Zu welchen Umbrüchen führt diese Entwicklung?

Wir können etwas für alle Medienrevolutionen – angefangen im Prinzip beim Buchdruck – ganz Typisches beobachten: Nutzer neuer Medien müssen neue Selektionstechniken lernen. Das größte Problem, mit der Informationsflut umzugehen, ist ja nicht, das zu lesen, was wichtig ist, sondern das nicht zu lesen, was nicht wichtig ist. Welche Selektionskriterien haben wir dafür, etwas zur Kenntnis zu nehmen, anderes nicht? Und: Welche Informationen sollen wir weitergeben, welche nicht? Es läuft ja immer dann in Unternehmen schief, wenn jeder auf jeder Mailingliste steht und alle Informationen gleichzeitig bekommt.

Die elektronischen Möglichkeiten machen die Kommunikation und die Arbeits­prozesse schneller, direkter und komplexer. Machen sie sie auch effizienter?

Das lässt sich sicher nicht generalisieren. Was bedeutet überhaupt Effizienz? Und wann ist es eher die Beschränkung von Information, die die Effizienz der Arbeit erhöht, weil man ja ohnehin nur mit einer beschränkten Menge an Informationen umgehen kann? Es ist ein weit verbreitetes Problem in Unternehmen, dass Führungskräfte im Grunde den eigenen hohen Informationsstand bei ihren Mitarbeitern voraussetzen. Damit entstehen Muster von Perfektibilität und Perfektion, denen die Angestellten hinterherlaufen; sie haben sozusagen Angst, an bestimmte Informationen nicht zu kommen – eine Eskalationsspirale. Ganz abgesehen davon, dass wir fälschlicherweise leicht glauben, bereits die Distribution von Information schaffe Wissen: Wir müssen ein Maß dafür finden, wann uns zusätzliche Information nicht mehr weiterbringt. Das macht unser Arbeiten effizienter – kreativer, produktiver, problemlösungsorientierter.

Wenn ständig das Postfach bimmelt, bedeutet das eine stetige Ablenkung. Untersuchungen zufolge bleiben Beschäftigte – in diesem Fall von Softwareunternehmen – nur drei Minuten an einer Sache. Schadet solches Multitasking nicht der Konzentration und dem Gedächtnis?

Ja, natürlich. Es geht hier um die Kulturtechnik, Arbeit so zu organisieren, dass das Verhältnis von Zeitaufwand und Ertrag stimmt. Um eine Aufgabe zu lösen, muss ich Komplexitäten reduzieren, egal ob ich eine Kundengespräch vorbereite oder einen Forschungsplan entwickle. Und dafür brauche ich neben Kompetenz vor allem eines: Zeit. Wer aber permanent unterbrochen wird, kann nicht produktiv sein, eigentlich ein trivialer Zusammenhang. Das ist natürlich leicht dahingesagt, wenn die Unternehmensstrukturen vorgeben, permanent erreichbar zu sein.

Immer und überall erreichbar: Die Möglichkeiten von Kommunikation und Datentransfer ermöglichen ganz flexible Modelle von Arbeitszeit und Arbeitswelt. Längst gibt es die sogenannte Generation Y, die sich danach einrichtet: Arbeit bis 4, dann die Kinder und am späten Abend nochmals an den Schreibtisch. Ist das ein Luxusphänomen?

Nein, es ist ein genereller Trend, sich so mit der Entgrenzung von Arbeit zu arrangieren. Es ist ja eine durchaus widersprüchliche Situation: Einerseits kann das die Freiheit schaffen, selbst die Zeiten zu bestimmen, in denen man arbeitet. Andererseits führt es dazu, dass man womöglich gar keine Zeiten mehr hat, in denen Arbeit selbstverständlich keine Rolle spielt. Eine Arbeit, die auf der Verarbeitung von Information, auf Wissen basiert, ist schwer zu beenden. Sie ist nicht an konkrete Orte gebunden, sie ist womöglich noch nicht mal daran gebunden, einen Arbeitsplatz im klassischen Sinne zu haben – alles Fragen der Anpassung.

Anpassung?

Die Gesellschaft hat sich mit ihren Familienstrukturen, mit ihren Lebenslaufmustern, mit ihren Rentenbiographien, mit ihren Versorgungsbeziehungen um die klassische Industriearbeit herum aufgebaut. Und nach wie vor ist der männliche Ernährer, der acht Stunden am Tag irgendwo arbeitet, in unserer Vorstellung der Grundtypus, der eine „normale“ Gesellschaft trägt. Doch diese Zeit ist vorbei.

Interview: Martin Thurau

Das vollständige Interview mit Armin Nassehi lesen Sie in der neuen Ausgabe des Forschungsmagazins Einsichten. Das neue Heft bringt den Themenschwerpunkt „Digitale Gesellschaft“.

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Verantwortlich für den Inhalt: Kommunikation und Presse