Ludwig-Maximilians-Universität München
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Welt-Asthma-Tag

Schmutz und Schutz

München, 03.05.2013

Kinder, die auf einem Bauernhof groß werden, erkranken deutlich seltener an Asthma und Allergien. Die Ärztin und Forscherin Erika von Mutius sucht nach den Gründen – und einem Ansatz für die Prävention.

- Foto: Jan Greune
Foto: Jan Greune

Einem Irrglauben möchte Erika von Mutius gleich von Beginn an entgegentreten: Viele meinen, Asthma und Allergien seien zwar lästig, aber nicht so schlimm. Als Kinderärztin hat von Mutius deutlich andere Erfahrungen gemacht: Kinder, die darunter leiden, so sagt sie, „sind richtig krank“. Und diese Erkrankungen, bei denen das Immunsystem Freund von Feind nicht mehr zu unterscheiden weiß, sind längst ein Massenphänomen und sie nehmen weiter stetig zu. Heute leiden in Deutschland laut Robert-Koch-Institut rund 17 Prozent aller Kinder an allergischem Bronchialasthma, an Neurodermitis, Heuschnupfen oder Nahrungsmittelallergien. Während in den Jahren 1994/95 noch nur knapp zehn Prozent der Kinder an Asthmasymptomen litten, sind es knapp 20 Jahre später bereits ein Drittel mehr. Ähnlich verhält es sich mit Heuschnupfen und allergischen Hauterkrankungen. Vor 200 Jahren gab es das Krankheitsbild Heuschnupfen praktisch nicht.

Professor Erika von Mutius (Foto: Thomas Dashuber/Agentur Focus)
Foto: Thomas Dashuber / Agentur Focus

Soweit die Statistik. Es ist der Alltag im Haunerschen Kinderspital des Klinikums der Universität München, wo von Mutius die Asthma- und Allergieambulanz leitet, der ihre Motivation speist – als Ärztin wie als Wissenschaftlerin. Die Professorin für Pädiatrische Allergologie will Heilmittel gegen diese Leiden finden, die oft ein Leben lang anhalten, und so den kranken Kindern helfen. Seit Jahren verfolgt sie eine Spur, die sie womöglich eines Tages ans Ziel führt. Erika von Mutius untersucht den „Bauernhofeffekt“: Sie geht der Frage nach, was Kinder von Bauern davor schützt, an Asthma und Allergien zu erkranken. Das Phänomen passt gut zur sogenannten Hygienehypothese. Danach gibt es einen deutlichen Zusammenhang zwischen dem Kontakt mit diversen Mikroorganismen und dem verringerten Auftreten von Autoimmunerkrankungen. Ganz offensichtlich ist doch etwas dran an dem Sprichwort „A little dirt / does not hurt“.

Sie begeistere der Gedanke, sagt von Mutius in Interviews, dass es offenbar eine „Art des Aufwachsens“ gibt, die einen Schutz vor Asthma und anderen Allergien darstellt. Wenn man das verstehen und auf die Kinder anwenden könnte, die nicht in einer solchen Umwelt leben, „birgt unsere Entdeckung ein enormes Präventionspotenzial“, prognostiziert von Mutius. Vor Kurzem hat auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) diesen Ansatz gewürdigt und von Mutius einen der diesjährigen Leibnizpreise verliehen. Die hochdotierte Auszeichnung, die die Deutsche Forschungsgemeinschaft alljährlich an ein knappes Dutzend Wissenschaftler vergibt, gilt als wichtigster deutscher Forschungspreis.

Schon vor fast 15 Jahren landete Erika von Mutius bei der Bauernhof-Frage. Zunächst hatte sei sich mit dem Zusammenhang zwischen der Luftbelastung und dem Auftreten von Pseudokrupp oder Allergien befasst. Um die Jahrtausendwende aber haben von Mutius und andere Arbeitsgruppen in verschiedenen Studien aufgedeckt, dass Kinder, die auf dem Bauernhof aufwachsen, seltener mit allergischen Symptomen zu kämpfen haben als Spielkameraden aus dem gleichen Dorf oder Stadtkinder. Das Risiko, an Asthma zu erkranken, ist danach auf einem Hof nur halb so hoch. Die Wahrscheinlichkeit, Heuschnupfen zu bekommen, beträgt bei Bauernkindern sogar nur ein Drittel verglichen mit dem anderer Heranwachsender.

In ihren Untersuchungen hat von Mutius zwei wichtige Faktoren herausgearbeitet, die gleichsam als eine Impfung gegen Allergien und Asthma fungieren: Das Kind muss bereits von Anfang an in Stall und Scheune mitgenommen werden. Außerdem bildet das Trinken von Rohmilch ein Schutzschild gegen ein überschießendes Immunsystem. „Kinder also, die auf einem kleinen Milch verarbeitenden Betrieb aufwachsen, sind am besten vor allergischen Erkrankungen geschützt“, resümiert die Kinderärztin.
Katrin Burger

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