Ludwig-Maximilians-Universität München
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Citizen Science

Wie weit fliegt Biene Nummer zwei?

München, 18.09.2017

Biologen der LMU markieren Wildbienen, um ihren Flugradius zu erforschen und gefährdete Arten zu schützen. Die Münchener können ihnen dabei helfen.

Winzige Nummern auf den Wildbienen helfen, ihren Flugradius nachzuvollziehen.

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Nummer 2 fliegt Patrouille über ihrem Revier, einem Beet mit halb verblühten, blau-braunen Vergissmeinnicht im Westteil des Botanischen Gartens in München. Nummer 2 ist eine männliche Osmia adunca, eine glänzende Natternkopf-Mauerbiene. Weil viele Wildbienen wie sie gefährdet sind, hat das Männchen die Nummer. Und Michaela Hofmann ihren Job.

Hofmann, 26, ist Biologin und Doktorandin am Department I Systemische Botanik und Mykologie der Fakultät für Biologie der LMU. Zusammen mit Biologen der Botanischen Staatssammlung erforscht sie, wie weit Wildbienen fliegen, um Partner, Nistplätze, Nektar und Pollen zu finden. Dafür markiert und nummeriert sie Bienen, um sie zu identifizieren und ihre Touren zu dokumentieren. Jeder Passant, der eine Biene mit Markierung entdeckt, kann Hofmann Nummer und Standort des Tieres an wildbienen@bio.lmu.de schicken, idealerweise mit Foto. Mittels der gesammelten Daten will die Biologin Erkenntnisse gewinnen, in welchen Abständen in der Stadt sogenannte Blühstreifen gepflanzt werden müssen, damit die inzwischen geschützten Tiere künftig ausreichend Nahrung finden. Eine Maßnahme, die nicht nur der tierischen, sondern auch der pflanzlichen Artenvielfalt in der Stadt dienen würde.

Die meisten Wildbienen leben einzeln, haben keine Königin und werden nur ein paar Wochen alt. Während die Weibchen Nester für den Nachwuchs bauen und Eier hineinlegen, ist die Begattung die einzige Aufgabe der Männchen. Weil sie nicht als Volk überwintern, produzieren Wildbienen keinen Honig. Das Revier von Wildbiene Nummer 2 ist gleich neben dem viel besuchten Nisthilfe, das die Forscher aufgestellt haben. Der nach vorne offene Holzkasten bietet Wildbienen einen geschützten Platz zum Nisten. Er sieht aus wie ein überdachtes Wandregal, anstelle von Büchern stehen angebohrte Totholzstücke, Ziegelsteine und gestapelte Holzstöckchen in den Fächern. In den Nischen, Löchern und Ritzen dazwischen können Bienen ihre Eier ablegen, ein Gitter schützt sie vor hungrigen Vogelschnäbeln.

Fingerspitzengefühl beim Bienenfang

Nummer 2, schwarzer Kopf und Thorax, rötlich-flauschiges Hinterteil, fliegt stoisch seine Runden. Die Zahl steht auf einem kaum stecknadelkopfgroßen roten Punkt auf dem Chitinpanzer seines Thorax zwischen Flügeln und Kopf. Von Ende März bis Mitte Mai hat Hofmann gemeinsam mit Studierenden rund 400 Tiere der Art Osmia cornuta mit Rückennummern markiert, gehörnte Mauerbienen; sie sind eine der ersten Arten, die im Frühjahr schlüpfen. So wie Bienenmännchen Nummer 2 werden jetzt in einer zweiten Runde Exemplare der glänzenden Natternkopf-Mauerbiene Osmia adunca mit Zahlen markiert.

„Rechts von der Nisthilfe sitzt wieder eine!“, ruft Hofmann den zwei Studenten zu, die ihr beim Markieren helfen. Während deren Blicke noch suchend herumirren, bestimmt Hofmann das Geschlecht der Biene, „ein Manderl.“ Mit dem großen weißen Kescher versucht die Studentin, es zu fangen. Hofmann gibt Tipps: „Drauf – jetzt zuhalten – wunderbar, die hast du.“ Mit der Bienenbeute gehen sie gemeinsam unter den nahen Pavillon, wo das Markierungsequipment bereitsteht, Papierbögen mit Farbpunkten, ein Fläschchen Schellack, ein feiner Griffel zum Platzieren und Aufdrücken des Farbpunktes; ein Sender würde den Flug der Bienen erschweren und ihren natürlichen Radius einschränken. Hofmann nimmt die Biene zwischen Daumen und Zeigefinger. Ein Weibchen müsste sie wegen des Stachels in einem Plastikröhrchen mit Schaumstoffpfropfen fixieren, um es zu kennzeichnen. Bei dem Männchen reicht ein wenig Fingerfertigkeit, nach einer Minute sitzt der Punkt und es schwirrt wieder weg.

Hofmann erforscht Osmia cornuta und Osmia adunca, weil sie überirdisch nisten und deshalb leichter zu finden sind, ihr Flügelabstand ausreichend groß für die Farbmarkierung ist und viele im Botanischen Garten leben. Insgesamt gibt es dort über hundert verschiedene Wildbienenarten, in ganz Deutschland sind es rund 570. Gemeinsam mit Honigbienen bestäuben sie fast alle Nutzpflanzen. Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) beziffert den monetären Wert der Insektenbestäubung in Europa auf über 14 Milliarden Euro pro Jahr, manche Pflanzen wie Glockenblumen oder Tomaten werden ausschließlich von Wildbienen bestäubt. Doch genauso wie Honigbienen leiden sie unter der modernen Landwirtschaft mit ihren Monokulturen, fehlenden Feldblumen und zu häufig gemähten Grünflächen; ihre Lebensräume und Nahrungsangebote schwinden zunehmend. Hinzu kommen Parasiten wie die Varroamilbe und die für Bienen schädlichen Pestizide wie Neonicotinoide, deren Totalverbot die EU inzwischen erwägt. Laut Michaela Hofmann könnten Wildbienen einen weiteren Nachteil haben: Da sie sich morgens erst aufwärmen müssen, bevor sie losfliegen, startet ihre Nahrungssuche später als die von Honigbienen – die fliegen gleich mit der richtigen Körpertemperatur aus ihrem konstant warmen Stock.

Laut Bund Naturschutz ist mehr als jede zweite Wildbienenart bedroht. Trotzdem war Bienenschutz im öffentlichen Bewusstsein lange Zeit auf Honigbienen beschränkt. Doch immerhin: Die Bedeutung von Wildbienen für Umwelt und Landwirtschaft wird zunehmend bekannt.

„Die Wildbiene wird gerade ziemlich gehyped“, sagt Michaela Hofmann. Das „wahnsinnig gestiegene Bewusstsein“ in der Bevölkerung nutzt sie jetzt für ihre Forschung. Gartenbesucher und alle Bürger, die im und um den Botanischen Garten markierte Bienen entdecken und Hofmann benachrichtigen, helfen mit ihrer Sichtung, das Flugverhalten der Tiere zu erforschen. Personell ist Hofmann auf diese Mitarbeit von Nicht-Experten, sogenannte „Citizen Science“, angewiesen; gemeinsam mit nur zwei Studenten hätte sie wenige Chancen, ausreichend verwertbare Daten zu sammeln.

„Ein Mann hat 30 Bienen gemeldet“, berichtet Hofmann, fast 50 Rückmeldungen, teilweise mit Beweisfoto, hat sie insgesamt für die erste markierte Bienenart, Osmia cornuta, erhalten. Bislang zeigte sich diese Art eher faul. Nur eine Biene hat es demnach aus dem Botanischen Garten geschafft: Sie flog etwa 300 Meter weit weg. Ein Junge, 14 Jahre alt, hatte sie gemeldet. Wie weit die Osmia adunca wie Nummer 2 wohl kommt? Konstanze Faßbinder