Ludwig-Maximilians-Universität München
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Medizinstudium

Businessplan für die eigene Praxis

München, 06.05.2016

Die eigene Praxis ist der Traum vieler Medizinstudenten. Doch das erfordert unternehmerisches Know-how. Im Wahlfach „Arzt und Unternehmer“ des Medizincurriculums der LMU werden die Studierenden dazu von Experten gecoacht.

Foto: morganka / fotolia.com

Eine Arztpraxis gründen wie sein Vater – davon träumte York-Alexander William schon lange. „Am liebsten auf dem Land“, erklärt der LMU-Medizinstudent. Doch negative Schlagzeilen über die Arbeitsbedingungen für Praxisgründer im ländlichen Raum ließen ihn zweifeln. Das Wahlfach „Arzt und Unternehmer“ belegte der heute 31-Jährige dann doch – eine Entscheidung, die ihn prägen sollte.

Der Kurs im zweiten Abschnitt des LMU-Medizinstudiums soll das unternehmerische Rüstzeug zur Gründung einer eigenen Praxis vermitteln. In Kleingruppen erarbeiten die Studierenden detaillierte Businesspläne für ein eigenes, freilich fiktives Unternehmen – und werden dabei von Experten für Steuer, Arztrecht oder etwa Marketing gecoacht: Der Vertreter einer Bank beurteilt den Businessplan; ein niedergelassener Arzt berät zur gemeinschaftlichen Praxisführung mit Kollegen; eine Mitarbeiterin der Kassenärztlichen Vereinigung informiert, wo sich die angestrebte Praxis derzeit überhaupt gründen ließe. Ehemalige Führungskräfte aus der Wirtschaft begleiten als „Aktiv-Senioren“ die Projektarbeiten der Gruppen. Alle externen Fachleute engagieren sich dabei ehrenamtlich.

Ins Leben gerufen wurde der Kurs 2009 von dem LMU-Chirurgen Professor Matthias Siebeck, einem niedergelassenen Kollegen sowie einem Unternehmer. Kursleiter Dr. Oliver Rauprich erklärt: „Anstoß waren einige Fälle aus dem Bekanntenkreis, in denen fachlich versierte junge Ärzte an den unternehmerischen Hürden einer Praxisgründung gescheitert waren.“ Zunächst als freiwilliges Ergänzungsfach eingerichtet, wurde „Arzt und Unternehmer“ schließlich als Wahlfach installiert. Angesiedelt am Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin, war der Kurs lange Zeit einzigartig an Universitäten in Deutschland; mittlerweile gibt es in Würzburg und Erlangen ähnliche Angebote.

Tipp: „Lieber klein anfangen“
Medizin-Ethiker Dr. Rauprich behandelt im Münchener Kurs den Interessenkonflikt, der sich zwischen gesellschaftlichem Auftrag des Arztes und unternehmerischen Interessen auftut – und vermittelt Strategien, beide zu vereinbaren. „Die Studierenden bringen meist großes persönliches Interesse mit“, so seine Erfahrung, „und engagieren sich stark.“ Viele kämen mit einer sehr idealistischen Einstellung in den Kurs – und der Vorstellung von zu einer viel zu großen Praxis. „Oft überfrachten sie ihre Businesspläne mit Zusatzleistungen für die Patienten und unterschätzten das Problem der ,Work-Life-Balance,“ so Rauprich. „Manchmal lasse ich sie ganz genau die Stunden zusammenzählen, die dann in einer Woche anfallen würden – und wir überlegen, wie viel Zeit noch für Hobbys und die Familie bliebe.“ Dr. Rauprichs Tipp: „Zeitreserven einplanen. Lieber kleiner anfangen und Entwicklungsperspektiven offenhalten. Gerade am Anfang arbeitet man in der eigenen Praxis sehr viel, weil man sich eben auch um Angestellte, Steuer- und Abrechnungsmodalitäten kümmern muss.“ Andererseits könne man mit der eigenen Praxis im Schnitt durchaus mehr Geld verdienen als in der Klinik und sei sein eigener Chef.

Medizinstudentin Christine Meyer, die heute kurz vor dem Dritten Abschnitt der Ärztlichen Prüfung steht, hatte den Kurs vor einigen Jahren belegt, seither als Studentenvertreterin mitgewirkt und das studentische Organisationsteam geleitet. „Ich habe darin gelernt, was unternehmerisches Denken und Selbstständigkeit eigentlich bedeuten. Das halte ich für wichtig, weil sich die Berufsgruppe der Mediziner eben sehr oft selbstständig macht.“ Die Coaches hätten ihr den Mut gegeben, sich auch mit den finanziellen Aspekten einer Praxisgründung zu beschäftigen und eigene Ideen umzusetzen. „Wir haben damals zum Beispiel den Businessplan für eine dermatologische Gemeinschaftspraxis entworfen.“

Fiktive Details
Auf realen Daten der Kassenärztlichen Vereinigung basierend, werden die fiktiven Praxen möglichst genau durchgespielt – mit Standort, Fachrichtung, Immobiliengrundriss, den Kosten für Geräte. Eine Gruppe plant etwa eine Gemeinschaftspraxis Dermatologie am Dom in Bamberg, und will dort besonders viele IGeL-Leistungen anbieten – privat zu zahlende Zusatzleistungen also. Die Steuerberaterin weist darauf hin, dass man so in die Umsatzsteuerpflicht rutschen könnte. Eine andere Gruppe strebt eine Allgemeinarztpraxis auf dem Allgäuer Land an: Aber könnte diese am Ende zu viele Patienten anziehen, führt der Kursleiter in Feld – und einen einzelnen Arzt überfordern?

Für Medizinstudent York-Alexander William, der mittlerweile kurz vor dem Zweitem Staatsexamen steht, war der Kurs wegweisend. „Dass Rechtsanwälte, Marketingexperten und niedergelassene Ärzte ihre Freizeit opfern, um abends ehrenamtlich Vorträge zu halten und uns zu coachen, fand ich beeindruckend.“ Auf Basis der umfassenden Informationen, auch zu neueren Möglichkeiten und Erleichterungen für Praxisgründungen auf dem Land, würde er sich die Selbständigkeit heute doch zutrauen. „Das Wahlfach hat mich motiviert, es auf jeden Fall zu versuchen.“ ajb

 

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Das neue MünchnerUni Magazin ist da! Thema ist neben der Praxisgründung das Medizinstudium an sich. Es befindet sich im Wandel: Studierende blicken heute früher in die Praxis, überschneidende Fächer werden nach Organsystemen gebündelt, und der Auftrag des Arztes spielt von Anfang an eine Rolle. Aspekte wie Facharztwahl, Auslandspraktika oder die eigene Praxisgründung spielen eine große Rolle und fließen in die Ausbildung mit ein. Viele Impulse und Innovationen an der LMU kommen dabei von den Studierenden selbst.

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