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MünchnerUni Magazin

Von Zweckehen, Liebeshochzeiten und Heiratsverweigerern

München, 18.08.2017

Früher wurde Romantik verpönt, aus materiellen Interessen geheiratet und sich der Partner „schöngedacht“, erzählt LMU-Ethnologin Dr. Annegret Braun. Erst in den 80er-Jahren wurde der Bund der Ehe fast ausschließlich aus Liebe geschlossen. Heute nimmt die Hochzeitsquote stetig ab, stattdessen gibt es immer mehr unverheiratete Paare, Patchwork-Familien und homosexuelle Eltern. Der Grund, warum Paare Kinder bekommen, hat sich allerdings laut der pairfam-Studie in einem Punkt überhaupt nicht geändert.

Altes Foto von HochzeitspaarEs ist nicht immer die Liebe, weshalb Menschen heiraten. „Landwirt 23 J, sucht Frau m. Mähdrescher ab 250 cm Schnittbreite, zwecks späterer Heirat. Bitte Bild v. Mähdrescher beilegen“, hieß es in den 80er-Jahren in einer Landwirtschaftszeitschrift. Was heute befremdlich klingt, war vor 150 Jahren in Bayern noch völlig normal. Damals war die finanzielle Situation der ausschlaggebende Punkt für eine Hochzeit. Und natürlich die gesellschaftliche Schicht. „Viele Ehen wurden von den Eltern eingefädelt“, erklärt Dr. Annegret Braun vom Institut für Volkskunde/Europäische Ethnologie der LMU. Romantische Romane habe man vor den Bürgerstöchtern versteckt, damit ja keine unnötige Gefühlsduselei aufkommt. Lediglich ärmere Menschen auf dem Land hätten aus Liebe geheiratet. Wobei Frauen zu dieser Zeit unter Liebe mehr „Zuneigung“ verstanden. Wichtiger war ein Versorger mit gutem Charakter. Manche haben sich anschließend ihre Männer „schöngedacht“, erzählt die Brauchtumsforscherin.

Sex war auf dem Land damals erst akzeptiert, wenn es einen Verlobungsantrag gab. Allerdings seien auch zu dieser Zeit Jugendliche nach dem Tanzball einfach heimlich im Gebüsch verschwunden, erklärt Braun. Das Problem: „Wenn eine Frau unehelich schwanger war, musste sie zum Beispiel mit einem Brautpfand – etwa ein Schmuckstück – vor Gericht nachweisen, dass sie ein Heiratsversprechen erhalten hatte.“ Besonders viele uneheliche Kinder wurden damals hoch oben auf den Bergen gezeugt. „Die Almen galten als Sündenpfuhl, weil es keine soziale Kontrolle gab“, ergänzt die gebürtige Schwäbin. Mancherorts sei es daher verboten gewesen, Sennerinnen zu beschäftigen. Ganz anders war die Situation im Bürgertum. Viele hätten völlig unaufgeklärt die Hochzeitsnacht miteinander verbracht. „Manche Bräute sind davongelaufen, weil sich ihre Männer plötzlich in ein wildes Tier verwandelt haben“, sagt die Ethnologin.

Streit lief damals anders ab als heute. „Dass sich die Frau unterordnen sollte, war völlig normal“, hat Braun beim Studieren vieler alter Tagebücher herausgefunden. Natürlich taten das nicht alle. Bei guter Zusammenarbeit auf dem Hof sei aber nicht über Gefühle nachgedacht worden. Entsprechend waren Kinder auch kein Produkt der Liebe, sondern dienten beim Bürgertum oftmals zur Repräsentation und auf dem Land als Arbeitskräfte und zur Altersversorgung. Beim ersten Sohn sei die Freude zwar oft groß gewesen. „Zuneigung zu den Kindern spielte aber keine große Rolle“, berichtet die Buchautorin. „Vielleicht, weil man befürchtet hat, dass das Kind sowieso stirbt.“ Die Kindersterblichkeit lag damals in der Donauregion bei 35 Prozent. Braun glaubt, dass die Menschen zu dieser Zeit „leidensbereiter“ waren. Unglück wurde als gottgegeben hingenommen, Verheißung versprach der Glaube in Form des Paradieses nach dem Tod.

Romantik? Fehlanzeige! Stattdessen gab‘s die „Kameradschaftsehe“
Erst mit der Jahrhundertwende nahmen Ehe-Arrangements ab. Dem Bürgertum ging es nicht mehr so gut, Frauen übernahmen erste Büroarbeiten und verdienten ihr eigenes Geld. „Zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg heiratete man zwar noch standesgemäß, aber die Zuneigung zueinander wurde ein wichtiges Ehemotiv“, resümiert Braun. Ende der 40er Jahre sei noch oft von einer „Kameradschaftsehe“ gesprochen worden. Die heute 54-Jährige Ethnologin hat Heiratsanzeigen untersucht, um die Veränderung von Partnerschaftsvorstellungen zu analysieren. „Erst in den 1950er- bis 1960er-Jahren suchte man in den Inseraten jemanden, den man auch liebt.“ In den 80er-Jahren habe sich die Liebesheirat durchgesetzt, wobei es nicht nur Mr. Right und Lady Perfect sein mussten. Verlobungsanträge wurden mit „Wie ist es, wollen wir?“ schnell entschieden. Wichtig war auch die politische Einstellung. So schrieb zum Beispiel ein Münchner in seiner Kontaktanzeige, er sei weder königstreu noch Franz-Josef-Strauß-hörig. In den 90er-Jahren kam dann die Romantik auf, die seit den 2000ern laut Braun zunehmend öffentlichkeitswirksam zelebriert wird.

Heute wünschen sich Jugendliche noch immer eine lebenslange Bindung. „Die Partnerschaft hat eine hohe Bedeutung, die Hochzeitquote nimmt hingegen ab“, erklärt Dr. Carolin Thönnissen vom Lehrstuhl für Allgemeine Pädagogik und Bildungsforschung der LMU. Sie erforscht im Rahmen der 2008 gestarteten multidisziplinären Längsschnittstudie pairfam Beziehungen und Familien in Deutschland. Kennengelernt haben sich junge Paare laut der Befragungen vor allem im Freundes- und Bekanntenkreis. Erst ab Mitte 30, wenn sich das soziale Umfeld nur noch wenig verändert, suchen Singles gezielt in Online-Partnerbörsen nach dem Richtigen – aktuell sind es in der pairfam-Studie 15 Prozent, Tendenz steigend. Wenn geheiratet wird, dann aus einem romantischen Ideal heraus, meint Thönnissen. Viele sehnten sich in einer immer schneller werdenden Welt nach Sicherheit. Da immer später geheiratet wird, ist auch mehr Geld für die Hochzeitsfeier vorhanden. Entsprechend pingelig ist das weibliche Geschlecht bei den Hochzeitsvorbereitungen. In den USA hat sich für solche Frauen bereits der Begriff „Bridezilla“ etabliert, eine Mischung aus „Bride“ (Braut) und „Godzilla“.

Je mehr Sex, desto höher die Lebenszufriedenheit
Doch nicht alle bleiben glücklich bis ans Ende ihrer Tage: Jede dritte Ehe wird geschieden. Die Forscherin kann daran aber etwas Positives erkennen: Im Gegensatz zu früher seien Frauen besser ausgebildet und ökonomische Gründe daher nicht mehr ausschlaggebend für die Fortsetzung einer Ehe. „Auch die Alternativen zur Ehe sind gestiegen“, sagt Thönnissen und verweist auf die gestiegene gesellschaftliche Akzeptanz von unverheirateten Paaren, Patchwork-Familien und homosexuellen Eltern. Heute gehen die Menschen auch weniger fremd: Zwar sind es bei den 20-Jährigen laut pairfam noch sieben Prozent, danach sinkt die Rate aber auf zwei bis drei Prozent. „Je mehr Sex Paare haben, desto höher die Lebenszufriedenheit – sowohl für Männer als auch für Frauen“, weiß Thönnissen. Allerdings zeigen die Befragungen, dass nach dem „Honeymoon-Effekt“ die Sexualität frischer Paare kontinuierlich abnimmt. „Sex ist zwar ein wichtiger, aber nur ein kleiner Teil der Partnerschaft“, beruhigt Thönnissen.

Während die Menschen vor 150 Jahren seltener eine Zuneigung zu ihren Kindern entwickelten, ist die enge emotionale Bindung zu den Kindern heute einer der Hauptgründe für den Kinderwunsch. „Man sieht Kinder als etwas Sinnstiftendes“, erläutert Thönnissen. Das Idealbild seien zwei Kinder. Ein zweiter wichtiger Grund ist allerdings, dass erwachsene Kinder im Notfall für die Eltern da sind. In diesem Punkt hat sich also im Verglich zu früher nichts geändert. „Der Kinderwunsch steigt durch sozialen Druck im persönlichen Umfeld und sinkt, wenn man zu viel dafür aufgeben müsste“, ergänzt die Forscherin. Das treffe wegen der noch immer schwierigen Vereinbarkeit von Beruf und Karriere besonders auf hochgebildete Frauen zu. Was pairfam noch herausgefunden hat: Bei Männern wird der Beruf im Vergleich zur Partnerschaft im Laufe des Lebens immer wichtiger – bei Frauen ist es genau andersherum. „Für Frauen mit Kinderwunsch bedeutet das“, sagt Thönnissen und lacht, „den Partner möglichst früh vom eigenen Kinderwunsch zu überzeugen.“ dl

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