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Nachhaltigkeit

Die Zukunft mitdenken

München, 06.02.2017

Der Begriff Nachhaltigkeit hat sich mittlerweile weitgehend abgenutzt– was er bedeutet, ist nicht klar. An der LMU setzen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedener Disziplinen mit eine Einordnung des Begriffes auseinander und versuchen, eine nachhaltige Zukunft zu skizzieren.

Grafik: Haak & Nakat

Das Label „nachhaltig“ wird viel und gern vergeben und verwendet: Ob für Gemüse aus der Region, das neue SUV-Modell, politische Konzepte – um aber eine Idee davon zu bekommen, was es mit dem Begriff auf sich hat, welche Implikationen und Bedeutungen er hat, ist eine wissenschaftlich-fundierte Auseinandersetzung unabdingbar. Geprägt wurde der Begriff der Nachhaltigkeit vom königlich-polnischen und kurfürstlich- sächsischen Kammer- und Bergrat Hans Carl von Carlowitz (1645-1714): Ein einziges Mal erscheint „nachhaltend“ in seinem Werk über die „wilde Baum-Zucht“; Carlowitz propagiert, dass nur so viele Bäume gefällt werden sollen, wie nachwachsen. „Er war aber mehr als ein nüchtern rechnender Forstwissenschaftler. Er hat sich stark an Spinoza und an dessen Idee von der Natur als schaffender Kraft orientiert“, sagt Markus Vogt, Professor für Christliche Sozialethik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der LMU: „Demnach ist Nachhaltigkeit ein Planungs- und Innovationskonzept, kurz, es setzt den wissenschaftlichen und kulturellen Diskurs über eine wünschenswerte Gesellschaft voraus.“

Querschnittswissen erforderlich
Der sogenannte Brundtland-Report der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung der Vereinten Nationen aus dem Jahr 1987 definiert Nachhaltigkeit als eine Balance ökonomischer, sozialer und ökologischer Ziele. Markus Vogt sieht die Bedeutung aber nicht allein in der Summe, sondern vor allem in der Wechselwirkung zwischen diesen Zielen. „Wer über soziale Gerechtigkeit nachdenkt, kann dies nicht, ohne den Faktor Natur zu berücksichtigen, der die Lebenschancen massiv beeinflusst.“ Es bedürfe dafür eines wissenschaftlichen inter- und transdisziplinären Diskurses. Transdisziplinär deshalb, weil eine abstrakt-wissenschaftliche Definition nicht möglich sei ohne den Dialog mit den Menschen, die betroffen sind und unterschiedliche Wertvorstellungen haben. Und interdisziplinär, weil die Komplexität den Blick über die Fächergrenzen hinweg unabdingbar macht. „Dieser methodische Ansatz macht den Nachhaltigkeitsbegriff aus“, betont Professor Vogt. Natürlich sei Spezialwissen weiterhin erforderlich, aber seine Zusammenführung mit Querschnittswissen unverzichtbar. An der LMU steht das Rachel Carson Center, kurz RCC, für diesen Ansatz. Christof Mauch, Professor für amerikanische Geschichte, Kultur und Gesellschaft an der LMU und Direktor des RCC, ist wie Vogt der Meinung, dass sich Nachhaltigkeit nicht nur einer Disziplin zuordnen lässt. „Wir haben im Studienprogramm Environmental Studies des Rachel Carson Centers 35 Disziplinen versammelt – von Juristen über Ethnologen und Biologen bis hin zu Geowissenschaftlern oder Historikern.“ Als Herausforderung sieht Mauch, zunächst gemeinsame Themen zu identifizieren und eine gemeinsame Sprache zu finden. Ganz praktisch arbeiten im RCC etwa zum Thema „Transformationen von Landschaften“ Juristen, Archäologen und Geografen zusammen, das Thema Müll braucht neben naturwissenschaftlicher Expertise auch die der Archäologie. Christof Mauch sieht die Bedeutung des transdisziplinären Aspekts beim Nachhaltigkeitsdiskurs aber durchaus auch kritisch: „Letztlich läuft die Übertragung wissenschaftlicher Expertise auf Applied Research hinaus, was natürlich nicht unbedingt zur Arbeitsweise der beteiligten Geisteswissenschaften passt“, sagt er. Er befürchtet eine Peripherisierung der Geisteswissenschaften in diesem Diskurs, was den Blick auf eine Kontextualisierung und die historische Dimension ausblenden würde. Mauch: „Wir finden dann nur technische Lösungen und vergessen, welche Auswirkungen die Produktion und der Einsatz dieser Innovationen haben können.“ „Moderne Gesellschaften optimieren Teilbereiche und evozieren dadurch Probleme in anderen Bereichen“, weiß auch Markus Vogt. Ein Beispiel ist etwa die Produktion von Biodiesel, die in Ländern mit Regenwald zu massiven Abholzungen zugunsten der Kultivierung mit Ölpflanzen führt. „Die große Herausforderung ist es, die Kreativität und das Innovationspotenzial, die aus Dingen überhaupt erst nutzbare Ressourcen machen, von vornherein mitzudenken. Und auch: Welche Wechselwirkungen könnten sich dadurch ergeben?“ Nachhaltigkeit sei eben nicht nur ein reines Naturschutzkonzept, so der Sozialethiker. „Sie ist auch eine denkerische Herausforderung und impliziert den Anspruch, mögliche Szenarien in der Zukunft zu antizipieren.“

Langfristige Perspektiven
Kurzum – wissenschaftliche Auseinandersetzung, Bildung und Sensibilisierung sind unabdingbar, um Nachhaltigkeit in ökologischen, sozialen und ökonomischen Kontexten immer wieder zu thematisieren und das Bewusstsein zu wecken oder wachzuhalten. Das fängt in der Schule an und setzt sich an der Universität fort. Schließlich sind Studierende die Entscheider von morgen und werden zu einem großen Teil in der Wirtschaft tätig sein, die ein wichtiger Player im Nachhaltigkeistdiskurs ist und wo die langfristigen, ökologischen und sozialen Ziele häufig von Wachstumszwang, einem stark forcierten Wettbewerb, der Kurzfristigkeit von Produktzyklen und der Schnelllebigkeit von Finanzmärkten konterkariert werden.

Diese Entscheider von morgen könnten vielleicht als Multiplikatoren wirken und den Nachhaltigkeitsgedanken sukzessive in den verschiedenen Unternehmenskulturen verankern. Professor Markus Vogt wünscht sich daher, dass interdisziplinäre Studienkonzepte noch viel stärker in die Studiengänge selbst hineinwirken. „Studienanfänger, die direkt von der Schule kommen, sind sehr jung und sich nicht immer sofort im Klaren, ob der gewählte Studiengang richtig für sie ist. Ich könnte mir zu Beginn eine Art ‚Studium Oecologicum‘ vorstellen, das im Hinblick auf Nachhaltigkeit eine gewisse Allgemeinbildung vermittelt.“

Fakt ist, dass die Balance ökonomischer, ökologischer und sozialer Ziele ein hehres Ziel ist, dessen Erreichung noch in einiger Ferne liegt. Immerhin – die Wissenschaftskultur ändert sich langsam, „aber sie ändert sich“, so Christof Mauch. Viel Positives sei schon erreicht, er selbst spricht von „Slow hope“. Hoffentlich nicht „too slow“, sodass es bald „too late“ ist.


MUM 01/2017

Was zum Beispiel die LMU ganz konkret auf betrieblicher Ebene zum Thema Nachhaltigkeit macht, welche Studierendenprojekte es dazu gibt, darüber berichtet MUM. Außerdem über die sehbehinderte Biathletin Clara Klug, die an der LMU studiert oder die Politik der Alternativlosigkeit: „TINA – There is no alternative“. Apropos alternativlos: Die druckfrische Ausgabe der MUM liegt ab sofort in den Gebäuden der LMU aus.

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