Ludwig-Maximilians-Universität München
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25 Jahre Lyrik Kabinett

Ein Schmuckkasten für die Poesie

München, 28.10.2014

Poesie muss nicht in stiller Einsamkeit stattfinden. Das seit 25 Jahren bestehende Lyrik Kabinett bietet heute einen Ort, an dem Liebhaber von Gedichten sich gemeinsam an ihnen erfreuen können – in der zweitgrößten auf Lyrik spezialisierten Bibliothek Europas.

Foto: Panobilder.de

Steine mit der Aufschrift „Poesie“ pflastern den Weg in den Hinterhof der Amalienstraße 83. Dort, in einer Ruhezone inmitten des quirligen Univiertels, hat die Poesie seit vielen Jahren eine Heimat – im modernen Bibliotheksgebäude des Lyrik Kabinetts. Durch bodentiefe Fensterfronten gibt es Einblick in sein Inneres: Ein Klavier zur Begleitung von Lesungen steht bereit, denn in rund 50 Veranstaltungen pro Jahr kommen sowohl deutsch- als auch fremdsprachige Dichterinnen und Dichter zu Wort. Neben Sesseln und Kunstwerken sind hinter dem Glas zeitgenössische Kunstwerke zu erkennen und natürlich Wände von Büchern. Regelmäßig treffen sich hier Lyriker und Leser, Buchkünstler, Kritiker und Wissenschaftler, um Gedichte zu hören, zu lesen, zu recherchieren oder sich über sie auszutauschen. „Und mit gut 50.000 Bänden beherbergt das Lyrik Kabinett die nach der Londoner Poetry Library zweitgrößte auf Lyrik spezialisierte Bibliothek in Europa“, erklärt der Geschäftsführer des Kabinetts, Dr. Holger Pils. „Zu verdanken ist all dies der Mäzenin Ursula Haeusgen.“ Auf ihre Initiative wurde die Stiftung gegründet, die das Lyrik Kabinett heute trägt und seine Aktivitäten ermöglicht. „Diese dienen alle dem einen Ziel: für die Poesie zu werben.“

Beginn in der Buchhandlung
Seit einem Vierteljahrhundert bereichert das Lyrik Kabinett die deutsche – und internationale – Literaturszene. Doch seine Geschichte beginnt nicht in der Amalienstraße, sondern andernorts in München – als die Kauffrau Ursula Haeusgen 1989 eine Spezialbuchhandlung für Lyrik eröffnet. „Ich hatte in anderen Buchläden Gedichte immer nur in der hintersten Ecke und in kleiner Auswahl gefunden“, erklärt sie später einmal. „Da wollte ich mit meiner Buchhandlung ausschließlich für Poesie endlich ein Zeichen setzen.“ In ihrem Geschäft hält sie Dichterlesungen, es bildet sich ein Kreis treuer Zuhörer. Doch in wirtschaftlicher Hinsicht verläuft das Unterfangen schleppend und wird wenige Jahre später aufgegeben.

Die Bücher und Gedichtbände, die Ursula Haeusgen für die Buchhandlung angeschafft hat, bilden den Grundstock für eine Bibliothek. 1994 gründet sie einen gemeinnützigen Verein, der als Lesegesellschaft heute 300 Mitglieder zählt und das Lyrik Kabinett unterstützt. Drei Jahre später geht die Lyrikbibliothek als Dauerleihgabe interimsweise an das Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft (Komparatistik) der LMU, 2003 wird eine Stiftung gegründet, an deren Spitze Haeusgen steht. Kurz darauf erhält das Lyrik Kabinett seine heutige Bleibe: Auf einem von der LMU gepachteten Grundstück im Hinterhof der Amalienstraße lässt Haeusgen 2004 das lichtdurchflutete Quartier errichten. Ein altes Atelierhäuschen wird dafür in ein modernes Gebäude integriert, die Freifläche von einer Landschaftsarchitektin als kleines Forum gestaltet.

Lesungen mit Robert Gernhardt und Hilde Domin
Das Gebäude in der Amalienstraße ist heute mit Kunstwerken verschiedenster Stilrichtungen geschmückt, ob von Horst Antes, Georg Baselitz oder der Münchener Photographin Isolde Ohlbaum. Inmitten der Bücher und Kunstwerke finden die Lesungen statt. „Durs Grünbein las auf Einladung des Lyrik Kabinetts, bevor er Büchner-Preisträger wurde“, erklärt Dr. Holger Pils, „und Seamus Heaney, bevor er den Nobelpreis erhielt.“ Es sind viele weitere, die er aufzählt: Robert Gernhardt, John Ashbery, Philippe Jaccottet, Sarah Kirsch, Hilde Domin, Bei Dao, Ilse Aichinger, Andrea Zanzotto... Jeden Monat treten in der Reihe „Poetry in Motion“ zudem junge Künstler der internationalen Spoken-Word-Szene im Lyrik Kabinett auf. „Doch auch die Lyrik vergangener Epochen wird in Rezitationen berücksichtigt“, so Dr. Pils – vom Gilgameschepos über Sappho, Pindar und Hafis bis zu Stimmen der Moderne, von Karl Wolfskehl über Walt Whitman bis zu Stefan George. Mit seinen vielen zweisprachigen Lesungen ermögliche das Lyrik Kabinett darüber hinaus die Begegnung mit anderen Kulturkreisen und ihrer Literatur. „Und dreimal im Jahr diskutieren Kritiker im ,Lyrischen Quartett’ über neue und neu herausgegebene Poesie.“ Doch nicht nur an Kenner wendet sich das Lyrik Kabinett: Seit mehreren Jahren verwirklicht es, unterstützt durch die Landeshauptstadt, den Freistaat und andere Förderer, das Modellprojekt „Lust auf Lyrik“ an bayerischen Schulen. In mehrwöchigen Workshops sollen dabei schon Jugendliche Lust auf poetische Texte bekommen – und auf das Experimentieren mit Sprache.

Bei Nacht ist der Weg zum Lyrik Kabinett in blaues Licht getaucht, wenn in den Boden eingelassene Glasquader zu leuchten beginnen – feierliche Illumination für einen Schmuckkasten der Poesie. ajb

Die Bibliothek
Die wissenschaftlich betreute Bibliothek des Lyrik Kabinetts umfasst Lyrik aus der gesamten Weltliteratur, dazu bibliophile Ausgaben, wertvolle antiquarische Bücher, Erstausgaben und Künstlerbücher und alle wichtigen Literaturzeitschriften. Recherchierbar ist der Bestand über den OPAC der Universitätsbibliothek der LMU. Als zwar privat finanzierte, aber öffentlich zugängliche Präsenzbibliothek hat die Bibliothek 24 Stunden pro Woche geöffnet. In einem eigenen Verlag des Lyrik Kabinetts sind bisher 14 Bände erschienen, für 2014 werden eine Anthologie ungarischer Lyrik und ein Band zum 100. Todestag von Georg Trakl vorbereitet. Und in der Reihe „Edition Lyrik Kabinett“ des Carl Hanser Verlags wurden bisher 28 Bände internationaler Poesie veröffentlicht.