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MünchnerUni Magazin

Studierendenprojekt: Lesen hinter Stacheldraht

München, 13.10.2017

Bücher helfen Gefangenen bei der Resozialisation. Diesen Ansatz hat sich schon die Gefängnisbibliothek im berüchtigten Hochsicherheitsgefängnis Alcatraz zunutze gemacht. Inzwischen hat auch die Justiz in München die Wirkpotenziale des Lesens erkannt. Dank der Studierenden der Hochschule München und der LMU können seit 2015 auch Lesegruppen für junge Untersuchungshäftlinge in der Justizvollzugsanstalt Stadelheim angeboten werden.

Nadine Jenne

Noch immer ist Nadine Jene ein wenig aufgeregt, wenn sie vor der Justizvollzugsanstalt in Stadelheim bei München steht. Die meisten Menschen wollen diesen stacheldrahtbewehrten Betonklotz am liebsten so schnell wie möglich verlassen, die LMU-Studentin möchte aber hinein. Bevor sie die Jugendarrestanstalt zum ersten Mal betreten durfte, wurde sie gründlich überprüft. Hinter den Mauern der Vollzugsanstalt warten jedes Mal bis zu sechs straffällige Jugendliche auf Nadine. Sie sitzen dort wegen unterschiedlicher Delikte wie Diebstahl, Drogenhandel oder Körperverletzung. Was die 26-Jährige dort will? Lesen!

Seit drei Jahren besucht Nadine schon mit verschiedenen Studienkolleginnen die jungen Männer – zuerst als Leistungsnachweis im Rahmen ihres Lernbehindertenpädagogikstudiums, jetzt ehrenamtlich. Dass die Delinquenten zu Beginn oft nicht aus Interesse an Literatur kommen, sondern nur, um ihrer Zelle eine Zeit lang zu entkommen, stört Nadine nicht. „Wenn sie erfahren, dass wir freiwillig kommen und uns ohne Bezahlung für sie interessieren, sind sie immer sofort dabei“, erzählt sie. Meistens werden gemeinsam Romanauszüge oder Kurzgeschichten laut vorgelesen. „Am Anfang trauen sich die Jugendlichen oft nicht, weil sie Angst haben, ausgelacht zu werden“, erklärt Nadine. Nach einiger Zeit blühten die jungen Häftlinge aber regelrecht auf.

In Deutschland war die Jugendgerichtshilfe Dresden die erste, welche die Wirkpotenziale des Lesens erkannte. Professorin Caroline Steindorff-Classen von der Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften an der Hochschule München wurde durch einen Zeitungsbericht auf den „Dresdner Bücherkanon“ aufmerksam. Anschließend begann sie mit Studierenden, die Erfahrungen aus Sachsen und anderen Bundesländern auszuwerten. „Wir sind dann aber in München doch in vielen Punkten eigene Wege gegangen“, erzählt Steindorff-Classen. Diese haben LMU - Professor Rudolf Tippelt von der Fakultät für Psychologie und Pädagogik der LMU so beeindruckt, dass er ihr Seminar „Pädagogische Arbeit mit delinquenten Jugendlichen – Leseprojekt KonTEXT“ in die Seminarangebote für Studierende auf Lehramt und im Bachelor-Studiengang Pädagogik aufnahm.

Ziel des Projekts ist es, das Interesse der jugendlichen Strafgefangenen an Büchern zu wecken, sie zum Nachdenken anzuregen, ihre Bildung zu fördern und einen Rahmen für einen Gedankenaustausch zu schaffen. „Das literarische Gespräch bietet die Möglichkeit, literarische Inhalte zum Gegenstand von Anschlusskommunikation zu machen – eine Praxis, die sehr jugendnah ist“, verdeutlicht LMU-Studentin Julia Hugo, die zu diesem Thema forscht und für Projektteilnehmer einmal einen Workshop gehalten hat. Durch das literarische Gespräch werde eine Brücke zwischen der Lebenswelt der Jugendlichen und dem bei ihnen immer weniger beliebten Medium Buch gebaut.

Tatsächlich ist das Projekt in den letzten sieben Jahren rasant gewachsen. Mehr als 3.000 Jugendliche haben seither an einem der inzwischen mehreren Projektangebote teilgenommen. Dazu gehört seit 2012 auch die Einzelbetreuung von Jugendlichen, die wegen einer Straftat von der Justiz zur Teilnahme an dem Projekt außerhalb des Justizvollzugs verpflichtet werden. Allein vergangenes Jahr erhielten fast 300 Jugendliche

sogenannte Leseweisungen von Jugendrichtern und Staatsanwälten, also die Auflage, unter Anleitung ausgewählte Bücher zu lesen und die Lektüreeindrücke am Ende in einer künstlerischen oder schriftlichen Abschlussarbeit zu verarbeiten. Die Begleitung der Jugendlichen findet bei den Leseweisungen überwiegend in der Hochschule München, teilweise aber auch an der katholischen Hochschulgemeinde der LMU statt. Hinzu kommen inzwischen pro Jahr rund 100 Lesegruppen, Textwerkstätten und Bildungsmaßnahmen in den Jugendarrestanstalten München und Landshut sowie in der Jugendabteilung der Justizvollzugsanstalt München. Daneben gibt es noch ein spezielles Programm, in dessen Rahmen sich Schulschwänzer eine Verkürzung ihrer Haftzeit „erlesen“ können.

Dank der über 30 LMU-Studierenden konnte 2015 sogar erstmals auch eine Lesegruppe für junge Untersuchungshäftlinge in der Justizvollzugsanstalt Stadelheim angeboten werden. Das ist nicht zuletzt auch ein Erfolg von LMU-Professorin Sabine Anselm, die das Projekt und die wissenschaftliche Forschung zur Bedeutung des Lesens als Leiterin der Forschungsstelle Werteerziehung und Lehrerbildung mit vorantreibt. „So können die Lehramtsstudierenden sehen, was hinter den Kulissen des Schulalltags los ist“, betont die Professorin ür Deutschdidaktik mit langjähriger Berufserfahrung als Lehrerin.

Sie wirbt in der Lehrerbildung dafür, nachzudenken, wie durch Lesen im Deutschunterricht dazu beigetragen werden kann, dass Schüler gar nicht erst straffällig werden. „Das Thema interessiert die angehenden Lehrerinnen und Lehrer“, versichert sie. Und das Sammeln der konkreten Erfahrungen durch die Projektmitarbeit sei wichtig, damit möglichst viele Studierende ein Bewusstsein für die Problematik entwickeln können.

Am Anfang war die Zeit mit den Delinquenten für Nadine Jene manchmal hart. „Man stößt an seine Grenzen, wenn die Jugendlichen gravierende Probleme haben, die sich in wenigen Stunden nicht lösen lassen“, erzählt die Studentin. Doch der Einsatz lohnt sich. „Nicht nur die vielen positiven Rückmeldungen von Jugendlichen, sondern auch der persönliche und fachliche Gewinn lassen den hohen Aufwand gerechtfertigt erscheinen“, ergänzt Steindorff-Classen. Tatsächlich ergab die Evaluation der Leseweisungen, dass 96 Prozent der straffälligen Jugendlichen eigenen Angaben zufolge zum Nachdenken angeregt wurden. 66 Prozent gaben an, von der Maßnahme profitiert zu haben. Über ein Drittel der Jugendlichen meinte, jetzt mehr Lust zum Lesen zu haben, und immerhin jeder Fünfte hatte am Ende der Maßnahme den Eindruck, dass ihm das Lesen jetzt leichter fällt. Nur wenige Jugendliche konnten mit der Maßnahme nach eigenen Angaben nichts anfangen. Auf die Frage, was ihm gefallen habe, antwortete einer von ihnen: „Leider gar nichts, nur neue interessante Geschichten aus Büchern kennengelernt.“ Und damit zeigt er, dass Literatur ganz nebenbei – und auch bei ihm – Wirkung entfaltet hat. dl

Das bereits ausgezeichnete Projekt ist gerade nominiert für den Deutschen Engagementpreis in der Kategorie Publikumspreis, für den jeder abstimmen kann.

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