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MünchnerUni Magazin

„Einen Elfenbeinturm gibt es nicht“

München, 07.04.2017

Eigentlich wollte Thomas Höllmann Kunst studieren. Zur Erleichterung seiner Eltern entschied er sich jedoch für Sinologie – allemal besser als „brotlose Kunst“. Er gehört heute zu den renommiertesten Sinologen und ist jüngst zum Präsidenten der Bayerischen Akademie der Wissenschaften gewählt worden.

Thomas Höllmann

Als der Sinologe Professor Thomas O. Höllmann mit seinem Verleger in einem französischen Restaurant beim Essen saß, entstand die Idee, ein Buch über die Geschichte der chinesischen Küche aufzulegen. Was nach großem kulinarischen Abstraktionsniveau klingt, war eigentlich nur „eine Witzelei“, gefolgt von der ganz ernsthaften Entscheidung zwei Wochen später, eben genau so eine Kulturgeschichte anzugehen. Denn so etwas fehlte bisher im Kanon der wissenschaftlichen Literatur über das „Reich der Mitte“: Mit Schlafender Lotos, trunkenes Huhn legte Thomas Höllmann eine elaborierte kulturwissenschaftliche Arbeit vor, die historische und kulturell-kulinarische Aspekte mit zahlreichen, nachkochbaren Rezepten verbindet und sich vor allem an einen breiten Leserkreis richtet.

„Die Arbeit daran war schwieriger als gedacht“, erinnert sich Thomas Höllmann, der Ende vergangenen Jahres zum neuen Präsidenten der Bayerische Akademie der Wissenschaften gewählt worden ist. „Denn es sollte ja vor allem die Geschichte vermitteln und nicht nur lobpreisend sein.“ Das Buch, das auch in einer englischen und chinesischen Auflage erschienen ist, nimmt Ausschnitte der chinesischen Geschichte in den Blick und untersucht die Ess-, Koch-und Genussgewohnheiten von der Antike bis in die Gegenwart und in den verschiedenen Regionen. Und es verschafft einen Einblick in die kulinarischen Lebenswirklichkeiten der jeweiligen Kaiser und der Oberschicht, aber auch des einfachen Volkes. Es ist also ein großes Bild chinesischer Geschichte, das hier entrollt wird und entsprechend „waren viele tausend Seiten zu lesen und zu exzerpieren“, betont Höllmann.

Der Umweg ist das Ziel
Aber er ist es gewöhnt, in seinem Fach in der Breite zu forschen. Schon vor seinem Studium der Sinologie hat sich Höllmann für asiatische Kunst interessiert – insbesondere hatten es ihm japanische Farbholzschnitte angetan. „Wenn man aber japanische Kunst verstehen will, muss man einen Umweg über China machen, denn japanische Kunst ist in weiten Teilen eine stilistische Reduktion der chinesischen.“

Ursprünglich wollte Thomas Höllmann lieber Kunst studieren. Aber zur Erleichterung seiner Eltern entschied er sich für Sinologie, „obwohl ich glaube, dass sie sich darunter auch nicht wirklich etwas vorstellen konnten. In ihrem Unterbewusstsein war jedenfalls alles besser als Kunst“. So ist er gleichsam über Umwege zu seinem Fach gekommen und deswegen besonders prädestiniert, sich mit den Vielschichtigkeiten auf dem „Kulturkontinent“ China zu befassen. Dabei hat er eigentlich nicht den Forschungsschwerpunkt: „Ich habe immer Themen aufgegriffen, die mir Spaß machen.“ Entsprechend decken seine Schriften eine große Bandbreite ab: ob über ethnische Minderheiten in China, die Seidenstraße oder über die chinesische Schrift – Höllmann versucht, sich dieser vielfältigen Kultur auf verschiedenen Wegen zu nähern. Er freut sich, dass der Zuschnitt seines Lehrstuhls an der LMU diese Möglichkeit bietet.

„Eine derartig breite Aufstellung wäre etwa in den USA nicht möglich“, so Höllmann. „Dort gibt es Chinese history oder Chinese literature, die methodisch und nicht regional angebunden sind.“ Dies führe, sagt er, zu einem enormen aber sehr fokussierten Expertenwissen, das den Gesamtkontext zwangsläufig nicht einbinden könne. Allerdings geht seine Zeit an der LMU nun zu Ende, denn Thomas Höllmann ist im Februar 65 Jahre alt geworden. Aber wissenschaftlich aktiv bleibt er auf jeden Fall: „Was brauche ich schon – einen Computer, Zugang zu einer guten Bibliothek und einen Schreibtisch.“ Aber bevor er sich weiter intensiv in seine wissenschaftliche Forschung vertiefen kann, wartet zunächst eine andere Aufgabe auf ihn: er leitet in den kommenden drei Jahren die renommierte Bayerische Akademie der Wissenschaften.

Dialog zwischen Disziplinen und Generationen fördern
Fast so vielfältig wie die chinesische Kultur – wenngleich auch in deutlich kleinerem Rahmen – ist auch die thematische Bandbreite der Institution, der Höllmann jetzt vorsteht: Die vier Sektionen der 1759 gegründeten Akademie repräsentieren ein Forschungsspektrum von den Geisteswissenschaften über die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften bis hin zu den Naturwissenschaften und der Medizin. Zu ihr gehören unter anderem das Leibniz Rechenzentrum, das jüngst gegründete Munich Center for Internet Research (MCIR) oder das Junge Kolleg, das jungen Nachwuchsforscherinnen und -forschern Freiraum bietet, um kreative Fragestellungen anzugehen. „Ich möchte vor allem den Dialog zwischen den Disziplinen und den Generationen stärken und die Bereiche stärker zusammenführen.“ Das hat sich der neue Präsident als Ziele für seine Amtszeit gesteckt. Er denkt, dass die „Akademie ein guter Platz dafür ist, dass der Dialog gelingen kann.“ Es sei eben nicht so, wie manche Zeitungsartikel zu seiner Wahl vermuten ließen, dass in der Akademie weltabgewandte Forscher im stillen Kämmerchen des Elfenbeinturms ihren wissenschaftlichen Neigungen frönen.

„Den Elfenbeinturm gibt es schon lange nicht mehr“, betont der Sinologe. Außerdem sei das Konstrukt eines Forschungsprojekts, bei dem ein Wissenschaftler eigenbrötlerisch sein Feld beforscht, heute gar nicht mehr genehmigungsfähig. „Man soll nicht schlechtreden, was im ‚Elfenbeiturm‘ gemacht wurde, aber Wissenschaften sind kommunikativ angelegt. Für solche Türme gibt es in unserer Gesellschaft heute keinen Platz.“ Dazu passt auch, wofür Thomas Höllmann seine Vorgänger lobt, nämlich, dass sie die Außendarstellung der Akademie enorm verbessert hätten: „Wir bieten zahlreiche Veranstaltung mit aktuellem Bezug, die starken Zuspruch in München finden.“ Aber in erster Linie sei die Akademie eine Institution, an der solide Grundlagenforschung betrieben und durch die versammelte Expertise eine wichtige Basis für disziplinenüberschreitenden Dialog und Forschung geschaffen werde. Obwohl er selbst an dem Projekt eines tibetischen Wörterbuchs an der Akademie mitarbeitet, will Höllmann in der Akademie aber nicht größer eingebunden sein in weitere Vorhaben: „Es ist gut, wenn man weiß, wie die wissenschaftlichen Ziele verfolgt werden, aber man sollte als Präsident eine gewisse Gleichbehandlung gewährleisten. Es müssten einem „alle Kinder gleich lieb sein“.

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