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MünchnerUni Magazin

„Hitler hat nichts Neues erdacht"

München, 22.07.2016

Zum Ablauf des Urheberrechts Anfang dieses Jahres hat das Institut für Zeitgeschichte eine kommentierte Edition von Hitlers „Mein Kampf“ vorgelegt, das der kritischen Auseinandersetzung dienen und die Diskussion dieser programmatischen Schrift anregen soll. Dr. Thomas Vordermayer hat an der Edition bis zum Schluss mitgearbeitet. MUM sprach mit ihm über Herausforderungen, wichtige Erkenntnisse und Kritik.

Wissenschaftler des Instituts für Zeitgeschichte und der LMU haben eine kommentierte Edition von Hitlers „Mein Kampf“ veröffentlicht.

Wie erklären Sie sich das enorme Interesse an der kritischen Edition von Hitlers Mein Kampf?
Thomas Vordermayer:
Das große Interesse an der Edition liegt sicher auch in der Mythologisierung von Hitlers Buch begründet, dessen Titel jeder kennt, das aber die wenigsten wirklich gelesen haben. Das Interesse liegt aber wohl auch daran, dass die Komplexität des NS-Regimes häufig auf Hitler reduziert wird, so als habe er tatsächlich jederzeit alle Fäden in der Hand gehalten und allein alle Entscheidungen getroffen. Da übt Mein Kampf als Hitlers wichtigste programmatische Schrift natürlich einen entsprechenden Reiz aus. Aber das „Dritte Reich“ war natürlich viel komplexer und die Selbstmobilisierung der deutschen Bevölkerung in den 30er-Jahren wird immer wieder unterschätzt. Ein Kaufanreiz, so hoffe ich, mag auch gewesen sein, dass den Leserinnen und Lesern in der kommentierten Ausgabe von Mein Kampf präzise und ausführliche historische Erklärungen und weiterführendes Wissen angeboten werden. Ohne diese Informationen bleibt Hitlers Text vielfach schlicht unverständlich.

Wie geht man vor, ein solches Buch zu kommentieren?
Wir haben zunächst grundsätzlich überlegt, an welchen Stellen von Mein Kampf wir kommentierend eingreifen wollen. Das war eine besondere Herausforderung, denn üblicherweise werden historische Schriften allein im Kontext ihrer Entstehung analysiert und ediert. Hitlers Buch nimmt aber vieles von dem vorweg, was im „Dritten Reich“ praktisch umgesetzt und grausame Realität wurde. Zum Beispiel Hitlers unmissverständliche Forderung nach eugenischen Maßnahmen, vor allem Zwangssterilisierungen. Deswegen haben wir in der Kommentierung zum Teil auch die damalige Zukunft in den Blick genommen. Das war aus unserer Sicht notwendig, um die Bedeutung dieser Quelle deutlich zu machen. Nach dieser grundlegenden Entscheidung haben wir uns schließlich abgestimmt, wer welche Kapitel als Erstbearbeiter kommentiert. Jedes kommentierte Kapitel wurde dann von allen Herausgebern und auch weiteren Wissenschaftlern noch einmal kritisch gegengelesen, ergänzt und verbessert.

Hat Ihnen die Tatsache, dass der Nationalsozialismus eines der besterforschten Gebiete in der Geschichtswissenschaft ist, geholfen? Oder bedeutet die Sichtung der relevanten Literatur zusätzliche Arbeit?
Die extrem umfangreiche Forschung zum Nationalsozialismus war Segen und Herausforderung zugleich. Man darf ja auch nicht nur die neuesten einschlägigen Studien auswerten, sondern muss auch ältere Literatur berücksichtigen. Dabei stößt man natürlich immer wieder auch auf unterschiedliche und widersprüchliche Deutungen. In der Kommentierung haben wir dann eine Entscheidung für die eine oder andere Lesart getroffen. aber auch auf Forschungskontroversen verwiesen. Nicht immer lassen sich die verschiedenen Deutungen und Aussagen zu Hitler schließlich zufriedenstellend verifizieren. Recht viel Interpretationsspielraum gibt es etwa zu der Frage, wann genau und weshalb sich Hitlers politisches Denken so extrem radikalisiert hat und ein wie „starker“ Diktator er im „Dritten Reich“ war.

Wie originell war Hitler als Autor?
Die Frage ist nicht ganz einfach zu beantworten. Über weite Strecken wiederholt Hitler in Mein Kampf Thesen und Gedanken, die dem Mainstream damaliger völkischer und rechtsextremer Autoren entsprach, auch wenn er manches besonders zugespitzt und radikal ausgedrückt hat. Einige Inhalte von Hitlers Buch waren jedoch auch weit jenseits der völkischen Rechten anschlussfähig oder zumindest diskutabel, so etwa die Eugenik. Alle Forderungen, Aussagen und Ansichten Hitlers waren in der deutschen und auch europäischen Gesellschaft der damaligen Zeit mehr oder weniger stark verankert, wobei der Grad der Anschlussfähigkeit im Einzelnen natürlich stark variierte. Ideengeschichtlich betrachtet ist Mein Kampf also nicht originell. Unter den vielen völkischen Autoren der 20er-Jahre war Hitler freilich der einzige, der in eine Machtposition gelangte, in der er tatsächlich umsetzen konnte, was er zuvor großspurig verkündet hatte.

Mein Kampf enthält zahlreiche autobiografische Angaben Hitlers? Inwieweit hat man es hier mit Anspruch und Wirklichkeit zu tun?
Hier muss man stark unterscheiden zwischen dem Wenigen, das Hitler an Authentischem von sich selbst preiszugeben bereit war, und seinem dominierenden Bedürfnis, seine Vergangenheit zu verschleiern und sich etwa als einen „Frühvollendeten“ zu stilisieren, der schon lange vor seinem Eintritt in die Politik alle Elemente der späteren NS-Ideologie aus sich selbst geschöpft und vertreten habe. Hinzu kommt eine enorme Lückenhaftigkeit der autobiografischen Äußerungen Hitlers. Viele Personen, die in seinem Leben eine bedeutende Rolle gespielt hatten, tauchen in Mein Kampf überhaupt nicht auf. So beispielsweise sein enger Jugendfreund August Kubizek, der die wichtigste soziale Bezugsperson Hitlers zu Beginn seiner Wiener Jahre war, im Grunde der Einzige, der sich damals überhaupt mit ihm abgegeben hat. Seine Zeit in Wien beschreibt Hitler in Mein Kampf sehr ausführlich, doch Kubizek wird mit keinem Wort erwähnt. Die Existenz eines verständnis- und auch aufopferungsvollen Freundes und Wegbegleiters wie Kubizek vertrug sich nicht mit Hitlers Selbstdarstellung als Einzelkämpfer, der sich ganz allein und gegen widrigste Umstände durchgesetzt habe.

Die Kommentare zeigen die Entlehnung von Zitaten unter anderem aus der Bibel, aus philosophischen Klassikern. War Hitler sehr belesen?
Sicher war Hitler kein sehr belesener Mensch. Er hat sich zwar für viele unterschiedliche Themen interessiert, seine Lektüre war aber stark selektiv und unsystematisch. Wichtig für die Einschätzung von Mein Kampf ist, dass Hitler kein Plagiat verfasst hat. Es gibt nur ganz wenige Stellen, wo sich eindeutig bestimmen lässt, auf welche Schriften sich Hitler stützte. Wörtliche Zitate findet man kaum, auch erwähnte Hitler nur ganz wenige Autoren, die er gelesen hat und die in beeindruckt haben. Er wollte vielmehr den Eindruck erwecken, mit Mein Kampf etwas ganz Neues, noch nie Dagewesenes geschaffen zu haben. Die Kommentierung will diesen Mythos durchbrechen, indem sie systematisch die gut oder schlecht kaschierten Quellen Hitlers offenlegt.

Denken Sie, dass eine kommentierte Version auch als eine Art Gegendarstellung zu bisher unkommentierten Ausgaben, etwa aus dem Internet, verstanden und rezipiert wird?
Grundsätzlich war uns wichtig, dass wieder stärker über den Text als eine der wichtigsten Quellen des Nationalsozialismus gesprochen wird und zwar in seiner Gesamtheit und nicht nur in ausgewählten Passagen. Wie gesagt, ist Mein Kampf ohne entsprechenden erläuternden historischen Kommentar für viele heutige Leser schlicht unverständlich. Der Text steckt voller Anspielungen auf zeitgenössische Themen und Ereignisse, die Hitler beim damaligen Publikum noch als bekannt voraussetzen durfte, die heute aber nur noch wenige Experten kennen. Wir haben die Edition aber eben nicht nur für Experten gemacht, das wäre angesichts des ungewöhnlich großen öffentlichen Interesses auch unverantwortlich gewesen. Entsprechend umfangreich ist die Kommentierung.

In den USA und in weiteren Ländern unterlag das Buch nie einem Publikationsverbot. Wird es Übersetzungen der Edition geben und gibt es hierzu schon Rückmeldungen aus dem Ausland?
Zahlreiche Verlage aus der ganzen Welt haben entsprechende Anfragen gestellt. Ich persönlich bin in die Entscheidung über möglichen Übersetzungen der Edition nicht involviert, würde es aber sehr begrüßen, wenn es zumindest eine professionelle englische Übersetzung der Edition geben sollte. Bei vielen anderen Verlagsanfragen bin ich hingegen skeptisch, zumal man ja immer auch Experten bräuchte, die die Qualität der Übersetzung überprüfen und einschätzen müssten. Das setzt nicht nur viel Zeit, sondern auch Sachverstand sowie eine entsprechende Sprachkompetenz voraus.

Es gibt ja auch viel Kritik an der kommentierten Auflage. Wie stehen Sie zur aktuellen Diskussion, die kommentierte Ausgabe im Schulunterricht einzusetzen?
Kritik gab es natürlich, das war bei einem so kontroversen Thema wie Mein Kampf auch nicht anders zu erwarten. Doch bislang hat aus meiner Sicht eindeutig das positive Echo überwogen. Was den Schulunterricht betrifft, ist es ja nicht so, dass Mein Kampf in den vergangenen Jahrzehnten nicht von Lehrern verwendet worden wäre. Es wurde vielmehr immer wieder eingesetzt. Meiner Meinung nach besteht angesichts der knappen Zeit, die für den Geschichtsunterricht zur Verfügung steht, allerdings keine zwingende Notwendigkeit, Mein Kampf zu besprechen. Eine unreflektierte Verwendung von Hitlers Text brächte jedenfalls die Gefahr, in die Forschungslage der 50er-Jahre zurückzufallen und zu meinen, mit Hitler ließe sich das gesamte „Dritte Reich“ erklären. Entscheidend ist, dass man versteht, wie es zur „Machtergreifung“ kommen konnte und wie der NS-Staat und die NS-Gesellschaft funktioniert haben. Wie hat es das Regime geschafft, sich selbst über eine so lange Zeit zu stabilisieren? Das sind Fragen, die aus meiner Sicht primär behandelt werden sollten. Ohne die Person Hitlers kann man sie nicht klären, das ist völlig klar, aber nur mit ihr eben auch nicht. Wenn Lehrer Passagen von Mein Kampf im Unterricht thematisieren wollen, dann wäre es aus meiner Sicht freilich sinnvoll, auf unsere Edition zurückzugreifen. Durch die Fülle an Informationen werden hier Handreichungen gegeben, auf denen Lehrer unmittelbar aufbauen können, auch wenn selbstverständlich nicht alles Verwendung finden kann.

Interview: Clemens Grosse

vordermayer_130Dr. Thomas Vordermayer forscht am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte von Professor Andreas Wirsching an der LMU. Er war Mitglied des von Dr. Christian Hartmann vom Institut für Zeitgeschichte (IfZ) geleiteten Teams von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die von August 2012 bis Oktober 2015 an der kritischen Edition von Mein Kampf gearbeitet haben. Die Forscher haben unterschiedliche Arbeitsschwerpunkte, die sich mit der Vorgeschichte und Geschichte des NS-Regimes befassen. Vordermayer selbst ist Experte für die Geschichte der völkischen Bewegung am Vorabend des „Dritten Reiches.“

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In weiteren Themen des neuen MünchnerUni Magazins, geht es unter anderem um die Sternwarte der LMU, um einen wiedergefundenen Kilometerstein und skatende Studierende.

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