Ludwig-Maximilians-Universität München
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Serie: Forscher in der Freizeit

Federn im Fokus

München, 03.08.2015

Im Labor erforscht der Biochemiker Professor Christian Haass Krankheiten wie Alzheimer; an seinen Wochenenden wartet er mit dem Fernglas an Seen und Feldern – seltenen Vogelarten auf der Spur. Seiner Leidenschaft wegen führen Familienurlaube auch inters schon einmal an die russisch-norwegische Eismeerküste.

Prachteidernte auf dem Eismeer an der norwegisch-russischen Grenze.

Im letzten Jahr reiste Professor Christian Haass nach Griechenland, in diesem nach Norwegen. Aber es waren nicht Strände oder Museen, die ihn dorthin lockten – sondern Vögel. „Unsere Urlaube“, erzählt er, „werden generell so gestaltet, dass ich besondere Vögel beobachten kann.“ Denn Haass, von Beruf Biochemiker mit Schwerpunkt Stoffwechselbiochemie und Neurowissenschaften an der Medizinischen Fakultät der LMU, befasst sich in seiner Freizeit leidenschaftlich mit Ornithologie – Vogelkunde.

„Im Februar an die russisch-norwegische Eismeerküste zu fahren – das ist schon speziell. Denn dort trifft man wirklich niemanden – es gibt nur Schnee und Eis und Stürme.“ Nicht selten begleitet ihn seine Frau: Die Silberne Hochzeit wurde bei besagtem Urlaub im winterlichen Norwegen gefeiert. Aber auch jedes Wochenende ist Christian Haass mit dem Fernglas unterwegs. „Gerade in und um München gibt es schöne Gebiete zur Vogelbeobachtung. Besonders gern fährt er an den Ammersee, im Winter an den Starnberger See. „Aber auch das ‚Murnau-Moor‘ ist ganz klasse. Und die Alpen sind natürlich toll.“

Die Ornithologie fasziniert Haass eigentlich seit er denken kann. „Mein Vater hat immer gesagt, ich hätte Laufen gelernt, um zu Vögeln zu kommen, und Lesen, um das Bestimmungsbuch zu lesen.“ Schon als Schüler mit zehn Jahren trat er einem Ornithologen-Verein bei. Vor rund acht Jahren war er der Mitbegründer des Vereins für Feldornithologie in Bayern Otus e.V. , für den er als Vizepräsident auch die offiziellen Wasservogelzählungen übernimmt. „Mich interessieren wirklich alle Vögel“, erklärt er. „Aber für Urlaube suche ich mir schon spezielle Arten – und damit Ziele – aus.“ Spektakulärster Anblick bisher war eine „Rosenmöwe“ in Sibirien. „Das ist eine besonders schöne Art, wirklich einmalig. Es ist fast unmöglich, diese in Europa zu entdecken.“ Ihre Entdeckung sei auch Glückssache gewesen. „Man weiß einfach nicht vollständig, durch welche Gebiete diese Vögel ziehen – das ist schon erstaunlich, heutzutage, wo alles bekannt ist.“

„Einfach mal warten“
Bei seinen Feldbeobachtungen wartet Haass, ausgestattet mit Fernglas, Spektiv und Kamera, an Gewässern, deren Randgebieten oder an Feldern. Eine bestimmte Tarnkleidung trägt er nicht, vermeidet allerdings bunte und allzu grelle Farben. „Manchmal wartet man schon sehr lange. Meine Taktik ist, mich an guten Stellen einfach mal hinzusetzen und zu warten. Gerade in der Zugzeit, im April und Mai, klappt das meistens.“ Seltene Beobachtungen dokumentiert er mit Fotos und Ton. „Seltenheiten müssen exakt und wissenschaftlich nachweisbar bestimmt werden, Beobachtungen besonders seltener Arten müssen auch von einem Gutachtergremium vor einer Veröffentlichung genau geprüft und bestätigt werden“, erklärt Haass. Was ihn ärgert: „In der Ornithologie wie in vielen anderen Bereichen der Wissenschaft wird leider auch Schindluder getrieben. Vor ein paar Jahren war in Science ein Riesenpaper über eine angeblich wiederentdeckte ausgestorbene Spechtart. Ich hab mir die Fotos angeschaut und gesagt: Das stimmt doch nie und nimmer! Hat es auch nicht – das war alles Lug und Trug.“ Er selbst könne das überhaupt nicht verstehen. „Ob in der Ornithologie oder hier bei mir im Labor: Man betreibt doch Wissenschaft, um die Wahrheit zu finden! Das ist doch das Einzige, was mich interessiert!“

In seinem Labor erforscht der Biochemiker die zellulären und molekularen Mechanismen der Demenz – insbesondere bei der Alzheimer- und Frontotemporalen Degeneration. Dabei wollte er ursprünglich die Ornithologie zum Beruf machen. „Ich habe diesen Wunsch aber schnell aufgegeben, weil es in diesem Gebiet einfach kaum Stellen gibt.“ Im Biologie-Grundstudium stieß er dann auf die Molekularbiologie. „Molekulare Zellbiologie – das interessierte mich ebenfalls brennend.“ Also setzte er beruflich darauf und widmete seine Freizeit der Vogelkunde.

haas_260Bedrohter Feldsperling
Das ganze Jahr über betreibt er sie gleich intensiv, wobei der Frühling, speziell der Mai, die beste Zeit sei. „Was mich an der Ornithologie so fasziniert, ist, ganz klar, die unglaubliche Schönheit der Tiere. Und das im Zusammenspiel mit wunderschöner Landschaft im Wechsel der Jahreszeiten.“ Jedes Mal aufs Neue sei er neugierig: „Was sehe ich heute? Manchmal lässt sich das vorhersagen, oft gibt es aber auch echte Überraschungen.“

Als großes Problem sieht Haass: „Fast alle Vogelarten werden rarer – diese Entwicklung ist dramatisch. Vögel, die auf Wiesen vorkommen, gehen drastisch zurück, und auch solche, die weite Zugwege zurücklegen müssen. Selbst Allerweltsvogelarten wie der Feldsperling und Schwalben sind bedroht. Das Problem ist der Mensch – und dabei ganz klar die Landwirtschaft.“ Wenn man die Welt von oben, aus Vogelperspektive, betrachte, sehe man nur noch „Felder, Felder, Felder – und kaum Bäume oder Hecken“. „Vogelbeobachtung – oder im englischen Modejargon ,Birding’ – das klingt manchmal so ein bisschen verrückt“, sagt Haass. „Dabei ist die Ornithologie heute eine Top-Wissenschaft. Und ich finde, nur so macht sie auch Sinn – mit fundierter wissenschaftlicher Grundlage. Man muss sie betreiben wie einen Beruf.“ Europäische Länder wie England, Schweden und Deutschland seien heute weltweit führend in der Vogelkunde, selbst die Max-Planck-Gesellschaft setzt auf moderne Ornithologie. „Früher wurde die Ornithologie so ein bisschen belächelt“, sagt Christian Haass. „Aber sie hat sich zu einer tollen, knallharten Wissenschaft entwickelt – die eine große Schönheit in sich birgt.“ ajb

 

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