Ludwig-Maximilians-Universität München
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Interview mit Professor Faltlhauser

„Die Gesellschaft musste sich über den Protest nicht wundern“

München, 06.11.2017

Die „68er“. Das ist heute ein populäres Schlagwort, das für den linken Protest gegen internationale Entwicklungen vor dem Hintergrund des „Kalten Krieges“, gegen die Intervention der USA in Vietnam und in Kuba oder gegen die „Vätergeneration“ benutzt wird. Aber so populär, wie es ist, so unpräzise ist es auch – denn der politische Protest junger, meist studierender Menschen begann bereits viel früher und war auch nicht immer nur links motiviert. Das MünchnerUni Magazin sprach mit dem ehemaligen bayerischen Finanzminister Professor Kurt Faltlhauser von der CSU, der von 1964 bis 1965 Vorsitzender des Allgemeinen Studentenausschusses (AStA) der LMU war.

Kurt Faltlhauser spricht als AStA-Vorsitzender am „Aktionstag 1. Juli 1965“ im Lichthof der LMU

MUM: Professor Faltlhauser, Sie haben Mitte der 1960er-Jahre zunächst an der Freien Universität Berlin und dann an der LMU Volkswirtschaft studiert. Waren die Studierenden dort politischer?
Kurt Faltlhauser:
Ja, die Politisierung der Studierenden setzte an der FU Berlin viel früher ein als an der LMU. Schon im Wintersemester 1963 gab es dort unschöne Ausschreitungen, die nach meinem Dafürhalten mit politischer Meinungsäußerung nichts zu tun hatten: körperliche Übergriffe gegen Dozenten und Störungen der Lehrveranstaltungen. Positiv in Erinnerung geblieben sind mir hingegen die sogenannten Tunnelgräber, darunter viele FU-Studierende, die DDR-Flüchtlingen halfen.

MUM: Warum sind Sie schon 1964 wieder in Ihre Heimatstadt München zurückgekehrt?
Es waren vor allem die negativen Erlebnisse an der FU, die mich bewogen haben, zurückzugehen. Ich wollte verhindern, dass so etwas auch an der LMU passiert. Das konnte ich nur, wenn ich hochschulpolitisch aktiv wurde. Deswegen habe ich mich an der LMU auf einer konservativen Liste für den Konvent beworben und wurde mit deutlichem Vorsprung vom Konvent zum AStA-Vorsitzenden gewählt. Damit konnte ich mich gegen den Konventspräsidenten Michael Naumann durchsetzen, den späteren ersten Kulturstaatsminister Deutschlands. Er vertrat damals die linksliberale Richtung der Studentengruppen. Nach und nach haben sich viele Studierende auch an der LMU immer mehr radikalisiert. Dabei lief dieser Prozess innerhalb der Universität nicht gleichgerichtet ab. Der Grad der Politisierung war stark fachabhängig.

MUM: Sie waren von 1964 bis 1965 für ein Jahr Vorsitzender eines konservativ geprägten AStA. Was waren Ihre wichtigsten Forderungen?
Die linken Studentenorganisationen erhoben von Anfang an einen gesamtpolitischen Anspruch, etwa, indem sie den sofortigen Abzug der USA aus Vietnam forderten, China und die Sowjetunion priesen. Wir wollten hingegen den Blick auf die Interessen der Studierenden richten, denn die Universität war nicht nur finanziell schlecht gestellt; auch in punkto Mitsprache der Studierenden bei universitären Belangen und in den entsprechenden Gremien war vieles verbesserungswürdig.

Ein Problem für die konservativen Studierendenvertreter war, dass die Linken in ihrer Agitation viel aktiver und agiler waren, obwohl sie zahlenmäßig gar nicht dominierten. Eine wichtige Rolle spielte bei ihnen der LSD – der Liberale Studentenbund Deutschlands, der aber eher linksextrem als liberal war. Seine massive Agitation führte so weit, dass selbst der RCDS von linken Studierenden quasi übernommen wurde. Das haben wir in einer Sitzung im Weißen Bräuhaus beendet. In der CSU-Landesleitung war sogar erwogen worden, an Stelle des RCDS eine neue konservative Studierendenvertretung aufzubauen.

MUM: Was haben Sie als AStA-Chef getan, um dieser agitatorischen Dominanz von Links etwas entgegenzusetzen?
Wir haben katholische, evangelische und liberal eingestellte Studenten in der Münchner Studenten-Union zusammengefasst – der MSU, die sehr erfolgreich war. Wir haben in der Zeit auch einige wirkungsvolle Aktionen auf die Beine gestellt, um die Aufmerksamkeit auf die Situation der Studierenden zu lenken – etwa einen Mensastreik im Sommersemester 1965. Das Mensaessen war damals miserabel. Um dagegen zu protestieren, haben wir Tische mit gespendeten Lebensmitteln vor dem Hauptgebäude aufgebaut, wo sich die Studenten nach Bezahlung von 50 Pfennig versorgen konnten. An einem Tisch gab es Bananen, am nächsten Semmeln und so weiter. Die Aktion fand enormen Anklang und die meisten Studierenden folgten dem Aufruf, der auch von starkem Medieninteresse begleitet war. Die Mensa versuchte, mit dem erstmaligen Angebot von Hähnchen gegenzusteuern. Die meisten Studierenden nahmen jedoch an unserer Aktion teil, die letztlich aber erfolglos bieb: Das Mensaessen blieb schlecht. Das lag aber auch an den personellen Strukturen des Studentenwerks.

Weit wichtiger war die „Aktion 1. Juli 1965“, die bundesweit gegen den sogenannten „Bildungsnotstand“ stattfand. Das Thema Bildung wurde damals weder in der Politik noch in der Gesellschaft angemessen ernst genommen. Unsere zehn Kernforderungen umfassten etwa eine Aufwertung der Bildungspolitik neben anderen politischen Ressorts, eine nationale Bildungsplanung und -finanzierung und eine bundeseinheitliche Ausbildungsförderung. Ich habe diese Forderungen in meiner Rede am 1. Juli 1965 im Lichthof der LMU vorgebracht. Dorthin waren rund 4.000 Studierende gekommen, die entsprechend begeistert bei der Sache waren. Ich hatte voher versucht, den damaligen bayerischen Kultusminister Dr. Ludwig Huber von der CSU als Redner einzuladen – er hat aber abgelehnt, ebenso wie unseren Entwurf eines neuen Hochschulgesetzes. Das war ein Fehler von Ludwig Huber, denn er hätte so der späteren Radikalisierung unter den linken Studierendenvertretungen etwas den Wind aus den Segeln nehmen können.

MUM: Wie hat die Hochschulleitung auf Ihre Aktionen und Forderungen reagiert. Repräsentierte sie den „Muff unter den Talaren“?
Das Verhältnis zur Hochschulleitung während meiner Amtszeit als AStA-Vorsitzender war sehr gut. Der damalige Rektor Julius Speer hatte ein offenes Ohr für unsere Forderungen, als späterer DFG-Präsident war er am Aktionstag 1. Juli sogar mein Vorredner im Lichthof der LMU. Ich durfte auch an Senatssitzungen teilnehmen, wenngleich ohne Stimmrecht. Mit seinem Nachfolger konnte man ebenfalls gut reden.

MUM: Das klingt, als gab es zu dieser Zeit nur Professoren, die den Studierenden wohlgesonnen waren?
Man kann zu dieser Zeit vier Gruppen von Professoren ausmachen. Die erste Gruppe waren die pragmatischen, steuernden Persönlichkeiten, wie Rektor Speer, der auch zu den Weiße-Rose-Feierlichkeiten die Studierenden eingebunden hat. Von diesem Typus gab es eine ganze Reihe. Ein zweiter Typ waren jene, die sich auf fast schon peinliche Art und Weise mit den Studierenden gemein gemacht haben – wie es zum Beispiel an der Akademie der Bildenden Künste der Fall war. Diese Professoren haben die Akademie damit regelrecht isoliert. Es gab aber auch Hochschullehrer, die sich geradezu kämpferisch gegen Agitation wehrten. Sie sahen die Wissenschaft als Freiraum, wo Lehre und Forschung betrieben, nicht aber politisch agitiert werden sollte. Schließlich gab es die, die sich einfach weggeduckt haben, was ich für problematisch halte: Wer in dieser Zeit nicht Partei ergriffen hat, war entweder vollkommen unpolitisch oder unverantwortlich.

MUM: Was haben Sie selbst aus dieser Zeit mitgenommen? Wie hat sie Sie geprägt?´
Ohne die Erlebnisse an der LMU in den 60er-Jahren wäre ich nicht in die Politik gegangen. Durch meine Tätigkeit in den Gremien und als AStA-Vorsitzender wurde ich stark politisiert, konnte ich meine Rede- und Gremienfähigkeit schulen; als AStA-Vorsitzender hatte ich ein kleines Kabinett mit Referenten für die unterschiedlichsten Ressorts unter mir. Es wurde sehr fleißig und kreativ gearbeitet. Und man konnte etwas bewegen. Viele meiner Kommilitoninnen und Kommilitonen aus den Studentenvertretungen sind in die Politik gegangen – Eberhard Diepgen, während meiner Zeit an der FU dort AStA-Vorsitzender, Wolfgang Roth oder Michael Naumann, um nur einige zu nennen.

MUM: Wie würden Sie die Studentenrevolte der 60er- und 70er-Jahre in der Rückschau beurteilen? Sündenfall oder Erlösung?
Die sogenannten 68er – wobei das ja eigentlich ein verkürzender Begriff ist – haben der Entwicklung der bundesdeutschen Gesellschaft nicht nur geschadet. Sie haben letztlich der Liberalität in diesem Land Impulse gegeben. Denn die Nachkriegsgesellschaft war durch eine gewisse Erstarrung und Restauration gekennzeichnet, auch die Art der Erziehung oder der Umgang von Professoren mit Studierenden mussten Widerspruch erzeugen. Diese Erstarrung aufzulockern, daran haben die 68er sicherlich einen Anteil. Als Konservativer hätte ich das übrigens damals nicht so formuliert. Die damalige Gesellschaft musste sich über die Entwicklung jedenfalls nicht wundern. Ein weiterer Gewinn war, dass die Aktionen der Studierenden – nicht nur der radikalen Linken – den Fokus der Politik und der Öffentlichkeit auf die Bedeutung der Universitäten und der wissenschaftlichen Bildung gelenkt haben. So wurden einige Jahre später die Zuwendungen für die Universitäten deutlich erhöht. Ich finde allerdings: fünf Jahre zu spät. Kurz, man hat auf die anhaltenden Unruhen schließlich reagiert.

Nicht zuletzt wurde auch der Stil, Politik zu machen, beeinflusst: Der Bundestagswahlkampf von 1972 war der erste, bei dem die Parteirepräsentanten im Wahlkampf Reden auf der Straße gehalten haben. Auch ich selbst war damals als Redner in der Kaufinger Straße. Die 68er-Zeit war sowohl in negativer wie in positiver Weise ein sehr prägendes Ereignis. Natürlich wurden im Zuge der Bewegung auch ideologische Exzesse eingeleitet, die im RAF-Terrorismus gemündet sind. Einer meiner Nachfolger als AStA-Vorsitzender war Rolf Pohle, der später für die RAF Waffen beschafft hat.

MUM: Wie sehen Sie das politische Engagement von Studierenden, von jungen Leuten heute?
Ich habe als Honorarprofessor der LMU sehr lange Lehrveranstaltungen in Volkswirtschaft gehalten; nicht ein einziges Mal wurde ich von Studierenden auf meine politische Vergangenheit oder meine Politik als Finanzminister weder im Positiven noch im Negativen angesprochen. Ich weiß nicht, ob das für die Mehrheit der Studentenschaft gilt, aber mich hat diese politische Zurückhaltung verwundert, ja sogar gestört. Wer die 1960er-Jahre an der Uni erlebt hat, muss das politisch als zu brav empfinden.

 

faltlhauser_130_webProfessor Kurt Faltlhauser war von 1994 bis 1995 Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister der Finanzen, von 1995 bis 1998 Bayerischer Staatsminister und Leiter der Staatskanzlei und von 1998 bis 2007 Bayerischer Staatsminister der Finanzen.

 

 

 

 Thema „68 und die Folgen“:
Pop und Pluralisierung - Interview mit dem Soziologen Armin Nassehi und dem Historiker Andreas Wirsching über den Nachhall der Revolte

 

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