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Essay aus dem MünchnerUni Magazin

Wissenschaft weltweit unter Druck

München, 23.05.2017

Internationale Vernetzung ist heute im Bereich der Wissenschaft unabdingbar. Große Herausforderungen und Probleme wie beispielsweise der Klimawandel, das Energiethema oder die Volkskrankheiten können nur auf Basis einer global interagierenden Wissenschaft erfolgreich erforscht werden, um zu sinnvollen Lösungsansätzen zu gelangen. Das gilt für die Grundlagen- genauso wie für die anwendungsorientierte Forschung.

Vor diesem Hintergrund hat sich in den vergangenen Jahren eine Kultur intensiver internationaler Kooperation und des Ländergrenzen überschreitenden Austausches herausgebildet. Diese ist durch ein hohes Maß an internationaler Mobilität geprägt. Vor allem die USA haben von dieser Kultur profitiert, sind sie doch noch immer der größte Magnet für Talente aus aller Welt und können sich entscheidend auf deren Beiträge stützen. Die starke Stellung der USA fußt dabei im Wesentlichen auf der Internationalisierung, dem herausragenden wissenschaftlichen Umfeld an zahlreichen Forschungsstandorten und Englisch als Wissenschaftssprache.

Aber auch in Deutschland gibt es seitens der Universitäten und der außeruniversitären Forschungseinrichtungen erhebliche Anstrengungen, internationale Spitzenforscher zu rekrutieren. Unter anderem, indem Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern attraktive Entwicklungsmöglichkeiten, wie etwa durch Tenure-Track-Modelle oder durch gut ausgestattete Arbeitsgruppen mit langfristiger Perspektive, geboten werden. Die Bemühungen haben zu einem kontinuierlichen Anstieg des Anteils von ausländischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern geführt.

Zeit großer Sorge
In jüngster Zeit gibt es allerdings eine Reihe von Entwicklungen, die in der internationalen Scientific Community mit großer Sorge beobachtet werden: Die politischen Repräsentanten in Ländern wie den USA, der Türkei, Polen oder Ungarn machen aus ihrer Skepsis gegenüber unabhängigen Wissenschaften keinen Hehl. In Großbritannien müssen durch den Brexit die internationalen Beziehungen auch in Forschung und Lehre neu definiert werden – was im Vorfeld für große Unsicherheit sorgt und die internationale Durchlässigkeit möglicherweise vor neue Probleme stellt. Eine Durchlässigkeit, die auch durch die angestrebten Einreisebeschränkungen der US-Administration in Mitleidenschaft gezogen werden dürfte.

Dazu kommt die offene Skepsis gegenüber wissenschaftlichen Fakten, beispielsweise zum Klimawandel oder in Bezug auf Impfungen. Folgerichtig hat die US-Regierung angekündigt, Forschungsmittel zum Beispiel in der Klima-, Energie- und Gesundheitsforschung, aber auch in den Geistes- und Sozialwissenschaften deutlich einzuschränken. Gerade das ist fatal, haben sich doch die USA bisher als herausragender Standort für die nachhaltige Unterstützung international gefragter Forscher etabliert. Nun fordern einige Mitglieder des Kongresses gar, das Science and Technology Office der US-Regierung ganz zu schließen. Diese Entwicklungen bedrohen langfristig den Status der USA als Vorreiternation der Wissenschaft.

Viel dramatischer ist die Situation jedoch in der Türkei. Dort müssen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler befürchten, dass sie keine Unterstützung mehr bekommen, dass ihre Reisetätigkeit eingeschränkt, sie entlassen oder im schlimmsten Fall sogar verhaftet werden, sollten sie sich nicht regimekonform verhalten oder verdächtigt werden, gegen die Regierung zu opponieren. Dort, wo Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für ihre Arbeit in Gefängnissen landen, haben wir es mit einer ganz anderen Qualität, weil auch physischen Bedrohung, von Wissenschaftsfreiheit zu tun.

Auch in Osteuropa, etwa in Ungarn, Russland oder Polen, gibt es beunruhigende Veränderungen in der Wissenschaftsfreiheit und bei der Wissenschaftsförderung. So wurde in Ungarn jüngst der renommierten Central European University (CEU) in Budapest durch eine Änderung im Hochschulgesetz die Existenzgrundlage entzogen. Das sind die herausstechenden Fälle. Darüber hinaus lässt sich festhalten, dass die Zahl der Länder, die nicht mehr signifikant in Bildung, Forschung und Entwicklung investieren, besorgniserregend zunimmt. In der Europäischen Union trifft dieses mittlerweile für die Mehrheit der Mitgliedsnationen zu. Das hat nachteilige Folgen zunächst natürlich für die Wissenschaften, aber noch vielmehr für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung, denn diese wird auch langfristig markant durch Forschung und Entwicklung stimuliert, weshalb gerade auch in diesem Bereich mit erheblichen negativen Konsequenzen zu rechnen ist, sollte sich der Trend nicht umkehren.

Als weiterer Punkt kommt hinzu, dass talentierte junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in den betroffenen Ländern für sich keine Perspektive mehr sehen und sie deshalb in großer Zahl verlassen – ein wissenschaftlicher „Brain-drain“ mit verheerenden Konsequenzen. Die betroffenen Nationen tun sich keinen Gefallen mit ihrer Art der Politik, setzt diese doch eine Abwärtsspirale in Gang, während Staaten, die auf die Pflege ihres innovativen Sektors mit Förderung der relevanten Institutionen Wert legen, erheblich an Attraktivität gewinnen.

Chance für Deutschland
Dies gilt gerade für Deutschland in ganz besonderer Weise. Unser Land hat in den vergangenen zehn Jahren eine enorme Entwicklung durchlaufen – basierend auf klugen forschungspolitischen Entscheidungen und einer nachhaltig wirksamen Förderung. Mittlerweile gehört Deutschland auch im Bereich Forschung und Entwicklung zu den leistungsfähigsten Standorten der Welt. Deswegen ist die grenzüberschreitende und aktive Rekrutierung für die Bundesrepublik von großer Bedeutung. Die Internationalisierung der deutschen Wissenschaft ist nicht nur vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung notwendig, sie ist entscheidend für Forschungsexzellenz. Die schwierige Situation in den oben genannten Regionen führt natürlicherweise dazu, dass die Rekrutierung von Top-Talenten leichter fällt. Diese Gelegenheit sollte man nutzen – vor allem auch im Sinne derjenigen, die in ihren Heimatländern keine Perspektive mehr haben und bei uns ihre Karrieren starten oder fortsetzen können.

Nur auf die Rekrutierung und die damit verbundenen Vorteile zu blicken, greift allerdings deutlich zu kurz. Denn Wissenschaft lebt, wie gezeigt, von einem florierenden internationalen Austausch. Kooperation braucht Partner; Länder, in denen innovative Ideen entstehen, an denen auch unsere Forscherinnen und Forscher partizipieren können. Und obwohl Deutschland von der derzeitigen Lage zunächst profitiert, müssen wir hierzulande über die Entwicklungen sehr besorgt sein. Unser Interesse muss es sein, dass internationale Wissenschaftsförderung und vor allem wissenschaftliche Freiheit wieder oberste Priorität genießen – und das grenzüberschreitend! Junge Talente müssen auch in ihren Herkunftsländern beste Bedingungen für ihre wissenschaftliche Arbeit vorfinden, nur dann gelingt Austausch auf Augenhöhe. Der Wissenschaft kommt in politisch schwierigen Zeiten die Aufgabe zu, Verbindungen aufrecht zu erhalten und zu pflegen. Gerade jetzt gilt es, diese Funktion in bedrohten Regionen mit allen Möglichkeiten und Mitteln zu erfüllen.

Eine weitere Herausforderung, mit der sich die Wissenschaft zunehmend konfrontiert sieht, ist die Tendenz, die Bedeutung von Fakten und wissenschaftlichen Tatsachen infrage zu stellen. Dies ist leider auch bei politischen Entscheidungsträgern der Fall, was die vermeintliche Aussagekraft „alternativer Fakten“ noch untermauert. Die Diskussion über alternative Fakten und über die Glaubwürdigkeit von Fachleuten nimmt zu und wird dazu missbraucht, um den Stellenwert von Bildung, Forschung und Entwicklung empfindlich zu schwächen. Daher ist es essenziell, dass sich die Wissenschaft, aber auch die Politik und die Öffentlichkeit schützend vor den gesamten Bereich Bildung, Forschung und Entwicklung stellen und sich auf allen Ebenen Gehör verschaffen, um einer Kultur „alternativer Fakten“ entgegenzuwirken. In diesem Sinne war der „March for Science“ am 22. April dieses Jahres ein richtiges und wichtiges Signal. Er kann aber nur Auftakt für zukünftige Aktivitäten sein, die notwendig sind, um die Öffentlichkeit nachhaltig von der lebenswichtigen Bedeutung wissenschaftlicher Erkenntnisse zu überzeugen.

 

Professor Dr. Otmar D. WiestlerProfessor Dr. Otmar D. Wiestler ist seit dem 1. September 2015 Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft. Der Mediziner war unter anderem an der University of California San Diego, USA, am Universitätsspital Zürich, Schweiz, und schließlich Professor für Neuropathologie an der Universität Bonn, wo er das Institut für Neuropathologie leitete.  ier baute er ein großes neurowissenschaftliches Forschungszentrum mit auf. Wiestler leitete vor seinem Wechsel an die Helmholtz-Gemeinschaft als Vorstandsvorsitzender und Wissenschaftlicher Vorstand das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg (DKFZ), das international zu den führenden Einrichtungen in der Krebsforschung zählt.

 

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