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68 und die Folgen

Turbulente Jahre an der LMU

München, 22.01.2018

In den späten 1960er-Jahren kulminierten die Studierendenproteste zum Teil in Gewalt. Auch an der LMU. Grund der Proteste: eine hierarchische Universität, eine verfehlte Bildungspolitik, die Notstandsgesetze und der Springer-Verlag.

Foto: (Werek / Süddeutsche Zeitung Photo)

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„Ihre Magnifizenz“. Das war die Anrede für den Leiter der Universität. Sie ist es noch heute – obwohl sie vielleicht nicht mehr allzu oft bemüht wird. 1967 war es allerdings unbotmäßig, „Ihre Magnifizenz“ mit „Sehr geehrter Herr Rektor“ zu adressieren. Der AStA-Vorsitzende Rolf Pohle tat es in einem Brief an Ludwig Kotter, den damaligen Rektor der LMU, dennoch. „Sehr traditionsfokussierte Rektoren hätten behauptet, so einen Brief nicht bekommen zu haben“, erzählt Dr. Joachim Jaudas, Stellvertreter Pohles in der Zeit der großen Studierendenproteste Ende der 1960er-Jahre. Kotter jedoch nahm keinen Anstoß an dieser Ansprache. Der Veterinärmediziner war einer der wenigen Rektoren, die die protestierenden Studierenden angehört und mit ihnen diskutiert haben, wenn auch mit einem patriarchalischen Gestus, wie Jaudas sich erinnert. In Kotters Autobiografie Vom Metzgergesellen zur Magnifizenz sind die Reden wiedergegeben, die er als Rektor von 1965 bis 1967 und danach als Prorektor bis 1971 gehalten hat. Er geht darin intensiv auf die Diskussionen mit den Studierenden ein und versucht sogar eine Ursachenforschung, warum es zu den Protesten kam. Stefan Hemler, der sich wissenschaftlich mit der 68er-Bewegung an der LMU befasst, bestätigt die Gesprächsbereitschaft des damaligen Rektors und auch, dass wenige von Kotters Vorgängern oder Nachfolgern mit den Studierenden ins Gespräch kamen oder kommen wollten. „Der Rektoratswechsel fand in der Regel im jährlichen Turnus statt“, erklärt Hemler, „und nicht jeder Amtsinhaber hatte hochschulpolitisches Wissen und Geschick in der Vermittlung.“ Die Rektoren in der Hochzeit der Proteste regierten entsprechend unterschiedlich. „Kotter war gesprächsbereit, sein Nachfolger Carl Becker überhaupt nicht, Audomar Scheuermann stellte sich den Diskussionen und Nikolaus Lobkowicz galt als konservativer Hardliner, sah sich selbst aber einer zum Teil sehr dogmatischen linken Bewegung gegenüber“, weiß Hemler. Er sieht hier das Phänomen, dass „Professoren, die erst als liberal und zugänglich galten, während der Auseinandersetzung mit den dogmatischen Linken sich eher konservativ verhielten.“

Wider den „Institutsfeudalismus“
Das Miteinander- und das Mitreden sowie das Aufbrechen der hierarchischen Strukturen an der Universität waren wichtige Ziele der protestierenden Studenten. „Zwei Themen standen bei uns im Mittelpunkt“, erinnert sich der Soziologe Joachim Jaudas. „Das war zum einen unsere Kritik an der wissenschaftlichen Selbstreflektion, die häufig die Verbindung zwischen Wissenschaft und Gesellschaft nicht herstellte. Gerade in den Naturwissenschaften ist das völlig ausgeblendet worden; stattdessen wurde die wissenschaftliche Objektivität postuliert.“ Fragen, wie Wissenschaft betrieben wird, welche Interessen dahinterstehen, wurden nicht gestellt. Zweiter Angriffspunkt war die fast schon „feudale“ Macht der Institutsdirektoren, die vollständige Verfügungsgewalt über Mittel und Menschen hatten. An der LMU, sagt Jaudas, sei diese Macht besonders an der Medizinischen Fakultät sehr ausgeprägt gewesen. Zwar hätten manche Institute versucht, dies zu unterbinden, indem sie etwa den „Doktorvater“ durch einen Ausschuss aus Vertretern der Professoren, des Mittelbaus oder der Studierenden ersetzten. „Dieser sogenannte Institutsrat war aber außerhalb der Legalität und seine Beschlüsse nicht verbindlich.“ Jaudas war als stellvertretender AStA-Vorsitzender in der Amtsperiode von 1966 bis 67 massiv in die politische Arbeit eingebunden. „Wir waren ungeheuer aktiv“, erzählt er. Nicht nur die Hochschulpolitik stand dabei im Vordergrund, sondern die Bildungspolitik ganz allgemein. So unterstützten die Studierenden unter anderem ein Volksbegehren der SPD, das die Abschaffung der konfessionellen Schulen zugunsten einer christlichen Gemeinschaftsschule forderte. „Wir sind mit Lautsprecherwagen unterwegs gewesen, um dafür zu werben. Im ländlichen Bayern war das schon hart.“ In der Rückschau betrachtet Jaudas die Aktion sehr positiv, „weil wir zeigen konnten, dass Studenten nicht nur randalierten, wie es dem allgemeinen Bild entsprach, sondern mit den Menschen redeten“. Der Soziologe, der bis zu seinem Ruhestand am Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung in München geforscht hat, beteiligte sich auch an den Protesten gegen den Springer-Verlag im April 1968. Vor dem Buchgewerbehaus in der Schellingstraße, in dem die Münchener Ausgabe der Bild- Zeitung gedruckt wurde, versuchte er zusammen mit anderen Studierenden, die Auslieferung des Blattes zu verhindern. Infolgedessen wurde er von der Polizei festgenommen und wegen „Landfriedensbruch“ zu einem Monat Haft auf Bewährung verurteilt. Auslöser der Proteste gegen Staat und Springer-Presse war das Attentat auf Rudi Dutschke, der dabei lebensgefährlich verletzt wurde. Die protestierenden Studentinnen und Studenten machten vor allem die Bild-Zeitung für die Hetze gegen die Studierenden verantwortlich, die zu dem Attentat führte. Die Proteste fanden Ostern 1968 ihren Höhepunkt und wurden auch in München gewalttätig – ein Fotograf der Associated Press sowie ein Student kamen bei den Ausschreitungen um das Buchgewerbehaus ums Leben. „Ich meine, dass das Auftreten der Staatsgewalt zumindest dazu beigetragen hat, dass die Proteste so eskaliert sind“, gibt Jaudas zu bedenken. Einschüchternd und provokativ fand er in diesem Zusammenhang auch das plötzliche Auftreten der bis dahin normal uniformierten Polizisten mit Stahlhelmen in Form der deutschen Helme im Zweiten Weltkrieg.

Kein „verschlafenes“ München
„Es ist ein gängiges Vorurteil, dass in München alles eher verschlafen gewesen sei“, sagt Stefan Hemler. „Natürlich war Berlin das Zentrum der Proteste. Aber es war nicht so, dass in der Hauptstadt etwas vorgemacht wurde, was dann in anderen Universitätsstädten einfach adaptiert wurde.“ Es hätten sich, so Hemler, in den unterschiedlichen Städten jeweils eigene Proteststile und -gruppierungen entwickelt. So gab es in der bayerischen Metropole etwa die Münchner Studentenunion, kurz MSU, die vor allem aus konservativen Studierenden mit konfessionellem oder Verbindungshintergrund bestand. „Etwas Vergleichbares gab es nur noch in Köln“, sagt Hemler. Gegen die Kandidaten der MSU verloren Pohle und Jaudas bei der Neuwahl des AStA im Jahr 1968 – und das, obwohl sie so viel gearbeitet und sich engagiert hatten. Aber genau darin sieht Jaudas das Problem: „Ich denke, bei den meisten Studierenden herrschte das Bild vor, dass im AStA irgendwelche Funktionäre die Arbeit machen, die wichtigen Akzente setzen, ohne dass man selbst einwirken kann.“ Infolgedessen änderten die linken Vertreter im Konvent ihre Strategie, indem sogenannte Fachschaftsausschüsse gegründet wurden. Demnach konnte nur jemand für den Konvent kandidieren, wenn er von den Ausschüssen – also den Studierenden einer Fachschaft – gewählt wurde. „Mit dieser Aktivierung der Basis wurde der MSU-AStA schlussendlich abgewählt und hatte danach nie wieder eine Chance.“

Proteste gegen die Notstandgesetze
Die Forderungen der Studierenden aus den unterschiedlichen Lagern waren vielschichtig und differierten zum Teil auch innerhalb eines Verbandes. „Für uns ging es um ein politisches Mandat“, skizziert Joachim Jaudas die politische Ausrichtung der eher linken 17 Vereinigungen. „Das beinhaltete ganz klar auch die Auseinandersetzung mit allgemeinpolitischen Fragen“, so der Soziologe. Während konservative Studierendenverbände sich vor allem auf die Hochschulpolitik fokussierten, sich etwa auch für besseres Mensaessen oder günstige Reisemöglichkeiten für Studierende einsetzten, verfolgten die Linken den Anspruch, dass sich Bildungspolitik grundsätzlich nicht von allgemeinpolitischen Fragestellungen abkoppeln lässt. Wie uneins die Lager – auch innerhalb eines Verbandes – waren, zeigte sich exemplarisch bei den Protesten gegen die Notstandsgesetze im Jahr 1968. Diese sollten der Bundesregierung weitreichende Eingriffe in das Grundgesetz ermöglichen – etwa den Einsatz der Bundeswehr im Innern oder die Beschneidung von Grundrechten im Falle von Katastrophen. Vom Konvent wurde eine Information der Studierenden über die Gesetze gefordert – der zuständige und damals konservative AStA 1967/68 um das MSU-Mitglied Bernd Danschacher positionierte sich hier aber nicht, weshalb das Studentenparlament beschloss, selbst eine Informationsschrift über die Notstandsgesetzgebung herauszugeben, um die Studierenden nicht nur aufzuklären, sondern sie zum Kampf dagegen aufzurufen. Das Kuriose: Auch mehrere Studenten der MSU votierten für die Informationsschrift. Ein MSU-Mitglied firmierte gar als Mitherausgeber der Schrift. „Das zeigt, dass auch die MSU kein monolithischer Block war, der bedingungslos konservative Politik verfochten hat“, erzählt Joachim Jaudas. Über die Lagergrenzen hinweg waren zielführende Diskussionen durchaus möglich. Stefan Hemler, der für seine Forschung zur 68er- Bewegung an der LMU vielfältige Recherchereisen zu Archiven in der ganzen Bundesrepublik unternommen hat, sieht einen hohen Grad der studentischen Politisierung in Fächern wie Soziologie, Germanistik und Geschichte; auch Juristen hätte sich stark eingebracht, wohingegen die Studierenden in der Medizin und den naturwissenschaftlichen Fächern tendenziell weniger stark politisiert waren beziehungsweise sich engagierten. Ein Grund für diese Differenzen war, dass man zum Beispiel im Fach Soziologie, „viel lernt, was man politisch nutzen kann“, sagt Joachim Jaudas. „Man muss im Gegensatz zu den Studenten in den Naturwissenschaften sehr viel schreiben, reden, argumentieren. Mein Fach hat ein stark diskursives Moment. Im Gegenzug habe ich bei meinen politischen Aktivitäten viel gelernt, was ich fürs Studium nutzen konnte. “ Das sieht er auch als Grund dafür, warum er trotz intensiver politischer Betätigung lediglich zwölf Semester bis zu seinem Diplomexamen brauchte. Obwohl er sich nach seinem Ersatzdienst als Pfleger im Krankenhaus auch eine Ausbildung zum Arzt hätte vorstellen können, hat er sich für Soziologie entschieden, „weil mich zu diesem Zeitpunkt gesellschaftspolitische Themen und Gestaltungsmöglichkeiten noch mehr interessierten“. Dabei habe er sich damals, nachdem er zum Beginn dieses Studiums im 25. Lebensjahr lange nicht mehr systematisch gelernt hatte, erst einmal ein Jahr gegeben, „um ins Lernen hereinzukommen“ und sich erst danach mit dem gleichen Engagement politisch zu betätigen – zunächst in der Münchner Wählergemeinschaft (MWG), einem Bündnis von linken Organisationen, dann im AStA. Vor allem während der Zeit der Notstandsgesetze haben sich etwa aus der 68er-Bewegung auch die Anti-Atomkraft- und die Friedensbewegung begründet, wo sich Jaudas auch nach Ende von Studium und Promotion engagierte. „Ich denke, dass diese Bewegung in den 60er-Jahren und danach viel dazu beigetragen hat, dass wir eine freiheitliche Gesellschaft haben, in der ich gerne lebe“, so Jaudas. Verwundert hat ihn allerdings der schnelle Niedergang der Studentenvertretung. „Da ist irgendetwas nicht weitergegeben worden“, mutmaßt er. Ebenso erstaunt ihn, dass der Bologna-Prozess von den Studierenden sang- und klanglos akzeptiert worden ist. „Jetzt haben sie keine Zeit mehr für Hochschulpolitik, weil sie Credits liefern müssen.“

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