Ludwig-Maximilians-Universität München
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68 und die Folgen

Pop und Pluralisierung

München, 23.10.2017

Was haben wir von der Studentenbewegung geerbt? Der Soziologe Armin Nassehi und der Historiker Andreas Wirsching über den Nachhall der Revolte.

Solidarität mit den "marginalisierten Befreiungsbewegungen", theorielastig: Studenten auf dem "Vietnam-Kongress", Technische Universität Berlin, Februar 1968. Foto: Bettmann/Kontributor/Getty Images

Den einen hat es bis an die Spitze des Auswärtigen Amtes getragen. Ein anderer bekennt freimütig: „Wenn Sie jemanden brauchen, auf den der Begriff Scheitern zutrifft, dann sind Sie bei mir richtig.“ Was sagen uns diese unterschiedlichen Lebensläufe wichtiger 68er?
Nassehi:
Ob man nun die Geschichte Joschka Fischers nimmt, der ursprünglich aus dem Frankfurter Umfeld der APO, der Außerparlamentarischen Opposition, kam, oder andere Lebensläufe – die Geschichte der Bundesrepublik wird daran wunderbar erzählbar. Das ist auch der wahre Grund, warum wir heute noch auf 1968 schauen. Die Geschichte wird so plastisch mit ihren Biografien und inneren Brüchen, mit ihrer Aufbruchsstimmung, ihren politischen Wandlungen und unerfüllten Utopien. Mit Brüchen aber, die man positiv konnotieren kann als eine Öffnung, als Möglichkeiten der Pluralisierung. Aber steht dabei eigentlich das Ereignis 68 im Zentrum? Ich glaube, den Wandel hat eine viel breitere gesellschaftliche Strömung hervorgebracht, die ihren Ursprung bereits früher hatte.

Wirsching: Die Studentenrevolte war nicht der Urknall, mit dem Emanzipation und Liberalisierung über die Bundesrepublik gekommen wären. Die Entwicklung setzte schon in den frühen 60er-Jahren ein – mit dem Ende der Ära Adenauer. Das mit dem Scheitern würde ich mal nicht so apodiktisch sehen. Die Alterskohorte der 68er ist jedenfalls so etwas wie eine goldene Generation, die erste Nachkriegsgeneration. Sie hat in vollem Umfang am sogenannten Wirtschaftswunder partizipiert, sie hat von der Bildungsexpansion der späten 60er- und beginnenden 70er-Jahre profitiert. Das heißt: Es gab berufliche Möglichkeiten, Karrierechancen, den Einstieg in eine bürgerliche Existenz, die Revolte von 68 hin oder her. Und um das noch zu pointieren: Sogar die Rente war für diese Generation sicher. Auch wenn 68 da wie eine Art ideologisches Widerlager herausragt, lässt sich diese Episode im Nachhinein doch wunderbar in eine lineare Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik einordnen.

Nassehi: Ob es um Kultur, die wirtschaftliche Situation oder Bildungschancen ging, die Zahl der Freiheitsgrade hat sich deutlich erhöht. Ich möchte es eine Abweichungsverstärkung nennen. Es setzte damals eine starke gesellschaftliche Pluralisierung ein, die nicht nur ein normatives Bekenntnis war, sondern tatsächlich die Realitäten in der Gesellschaft abbildete – eine Pluralisierung von Lebenswegen, ja auch Berufsbiografien, von Familienformen und sozialem Aufstieg. Es gab auf einmal die Möglichkeiten zur Abweichung, zur Gestaltung, zur freien Entscheidung. Mit dem Boom des Pop, der ja von der Idee der Abweichung lebt und aus ihr seine Kraft bezieht, entstand eine neue kulturelle Vielfalt.

Nach einer linearen Erfolgsgeschichte zumindest sah es zunächst nicht aus. Die Proteste auf der Straße endeten oft in Konfrontationen mit der Polizei. Woher kam diese Wut?
Nassehi:
Auch die Revolte hatte mit der Erfahrung zu tun, dass Abweichung möglich ist. Der Protest war durch Tabubrüche geprägt: die Elterngeneration anzugreifen und ihnen vorzuhalten, sie seien Spießer und Faschisten, sexuelle Tabus zu verletzen, Autoritäten bloßzustellen. Auch die Polizei lächerlich zu machen, gehörte dazu. Der Kommunarde Dieter Kunzelmann beispielsweise nahm gerne die Rolle des Chef-Provokateurs ein, das hatte auch eine ironische Komponente. Es gab in der Tat bei Demonstrationen scharfe Auseinandersetzungen, es gab auch erhebliche Überreaktionen der Polizei. Von bürgerkriegsähnlichen Zuständen war das in aller Regel aber weit entfernt – auch wenn der Tod des Studenten Benno Ohnesorg auf der Demonstration gegen den Schah-Besuch im Juni 1967 eine andere Sprache spricht.

Wirsching: Die Responsivität des politischen Systems ist wohl zu wenig ausgeprägt gewesen, als dass das Ganze auf einer diskursiven Ebene hätte bleiben können. Die Polizei hat in den 60er-Jahren noch recht robust agiert, in alter Tradition aus der Zeit vor 1933 und mit einer gewissen Neigung zum Obrigkeitsstaat. Über Deeskalationsstrategien wurde da nicht geredet, da ging es darum, Ordnung zu schaffen. Die Aktivisten indes gaben den Konfrontationen auch den Charakter von Inszenierungen, setzten Theatralik und Ikonografie ein. Und wenn dann so etwas geschieht wie der Tod Benno Ohnesorgs, dann schafft das einen Erinnerungs-Ort, schafft neue Identitäten und kann jederzeit re-eskalieren. Das ist ein relativ typischer Prozess, der gar nicht unabdingbar mit genuiner Wut zu tun haben muss. Das lässt sich auch an einem späteren Beispiel gut zeigen. Die Demonstrationen zum 1. Mai in Berlin waren über lange Zeit ausgehend von Kreuzberg ein alljährlich wiederkehrendes Ritual.

Ein Protest also im ideologischen Leerlauf?
Wirsching:
Der eigentliche Grund für eine aufgestaute Wut, die sich in den Protesten entlud, ist ein tiefer Generationenkonflikt, ist die Mauer des Schweigens, hinter der sich die Alten verschanzen. Und die Wut, wenn man so will, suchte sich auch ihre Gründe. Das konnte der Vietnam-Krieg sein, das konnte die Notstandsgesetzgebung sein. Das konnte eben auch die Polizei sein. Man muss aber auch sagen: 68 – das war in Deutschland doch weitestgehend der Protest von ein paar Tausend Studenten. Der Brückenschlag zu Gewerkschaften, der Anschluss an tatsächlich klassenkämpferische Positionen ist den Akteuren anders als in Frankreich kaum gelungen.

Nassehi: Bei den Protestkulturen, die 1968 und danach entstanden sind, hat so etwas wie das Einüben friedlicher Wut stattgefunden, bei den Demonstrationen gegen die Nachrüstung in den 80ern etwa oder gegen die Kernenergie. Die waren stark ritualisiert und passten mit ihrer alltagkompatiblen Form zu einer Generation, die Protest und sichere Zukunftserwartungen gut kombinieren konnte, womit ich Art und Anliegen gar nicht kleinreden will. Es sind etablierte Formen des politischen Protests, der relativ unproblematisch funktioniert und seine Wirkung entfaltet. Auch die Demonstrationen rund um den G20-Gipfel im August in Hamburg waren nebenbei bemerkt zum allergrößten Teil genau das: ein durchaus kreativer wie auch naiver Protest, wie man ihn so kennt, ein Protest, der die Schwierigkeiten zeigte, die Komplexität der Probleme auf den Begriff zu kriegen und sie stattdessen in einer ritualisierten Form zu bearbeiten versuchte.

Die Bilder, die von Hamburg um die Welt gingen, waren andere.
Nassehi:
Ja, die andere Strategie ist die des schwarzen Blocks, der es über Gewalt versucht. Gewalt ist ja ein Medium, bei dem man nicht viel nachdenken muss, sondern bei dem man sofort eine Wirkung erzielt, die eindeutig sichtbar ist, auf die sich die Medien stürzen. Beide Strategien gehören zum Erbe von 68. Auch damals gab es eine breite Diskussion über die Legitimität von Gewalt: Gewalt gegen Sachen, gegen die Symbole des Kapitalismus. Und bei einem Trupp, der sich als Avantgarde begriff, um die Gewalt gegen Menschen. Manche denken bei 68 ja gerne gleich an die RAF und den deutschen Herbst 1977, was die Sache, vorsichtig gesagt, etwas verkürzt. Natürlich gab es die Radikalisierung Einzelner, flankiert von Unterstützergruppen, mit ihrer direkten Aktion, wie das damals hieß, mussten sie in einer komplexen Gesellschaft letztlich vor Mauern rennen. Sie ist keine Form, mit der sich eine Gesellschaft verändern ließe. Die RAF hatte ja noch die geradezu antike Vorstellung vom Tyrannenmord; man müsse nur ein paar wichtige Figuren umbringen und es entstehe eine revolutionäre Situation. Insofern sind Terroristen heute, wenn man so will, gesellschaftstheoretisch weiter. Der islamistische Terrorismus ist, zynisch gesprochen, viel effektiver, weil er direkter in Alltagsstrukturen eindringt.

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