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München, 13.12.2016

Was bleibt vom Journalismus im digitalen Zeitalter? LMU-Kommunikationswissenschaftler über kurze Aufmerksamkeitsspannen und Gratismentalität im Netz, neue Aufgaben für Journalisten und das Vertrauen in die Medien

Foto: georgejmclittle / fotolia.com

Am Abend des Amoklaufs im Münchner Olympiaeinkaufszentrum räumten die etablierten Medien ihr Programm für vierstündige Sondersendungen frei, auch wenn der Nachrichtenwert zwangsläufig eher gering war. Warum haben die Medienhäuser an diesem 22. Juli so entschieden?
Thomas Hanitzsch:
Es ist eine ganz typische Erscheinung, dass gerade in solchen Momenten die Medien gemeinsam auf ein Thema anspringen. In der Bevölkerung besteht auch eine gewisse Erwartung, darüber etwas zu erfahren. Ich bin an diesem Abend in München unterwegs gewesen. Auf dem Weg zum Kino blieben mit einem Mal alle Verkehrsmittel stehen. Natürlich sucht man dann nach Informationen darüber, was los ist. Gerade zu diesem Zeitpunkt, als noch gar nicht klar war, was genau passiert war, verstand ich sehr gut, dass die Medien intensiv darüber berichten.

Die Süddeutsche Zeitung hat ausgewertet, wie an diesem Abend über Twitter aus einem einzelnen Tatort 67 Gefahrenzonen in der ganzen Stadt wurden. Haben die sozialen Medien zu einer gewissen Hysterie beigetragen?
Neil Thurman: Es ist ein bekanntes Phänomen, dass nach Ereignissen wie einer Schießerei oder auch bei Umweltkatastrophen falsche Gerüchte über Twitter verbreitet werden. Für Journalisten ist das eine Herausforderung. Aber mit bestimmter Software lässt sich erkennen, ob die Personen, die twittern, tatsächlich an dem Ort sind, an dem sie behaupten zu sein. Bei den Rezipienten ist die Erwartung gestiegen, bei solchen Ereignissen in möglichst kurzen Zeitabständen auf den neuesten Stand gebracht zu werden. Das liegt sicherlich an einer veränderten Mediennutzung: Viele lesen heute Nachrichten am Smartphone und sind daran gewöhnt, immer auf dem Laufenden zu sein. Die Nachrichtenmedien haben dafür inzwischen neue Formate wie Live Blogs entwickelt. Dort gibt es dann zwar viele Updates, aber häufig zitieren sich die Medien nur gegenseitig. Diese Form der Berichterstattung ist also mehr diskursiv als faktenbasiert. Das führt nicht dazu, dass die Öffentlichkeit besser informiert wird, sondern die Informationen, die es gibt, zirkulieren mehr, auch über die sozialen Medien.

Romy Fröhlich: Wir haben eine völlig neue Sicherheitslage, die bei den Menschen natürlich ein besonderes Informationsbedürfnis weckt. Es gab in Deutschland ja schon öfter Amoktaten, wenn auch, Gott sei Dank, nicht so oft wie in Amerika, aber das Neue ist, dass alle sofort denken: Das ist jetzt ein großer Terroranschlag und gleich wird es, wie in Brüssel an mehreren Plätzen hochgehen. Das antizipieren natürlich auch die Medien. Alle sind „on alarm“. Das war vor zehn, 15 Jahren anders.

Hanitzsch: Ich glaube nicht, dass die Menschen prinzipiell hysterischer sind. Der entscheidende Unterschied ist, dass diese Gerüchte sich durch die sozialen Netzwerke so schnell verbreiten und ein Echo in den Communities finden, in denen sich Menschen mit Gleichgesinnten umgeben. Dadurch entsteht subjektiv ein Gefühl von Gefahr. Ich glaube, die Wahrnehmung der Welt hat sich durch diese sogenannten Echokammern fundamental verändert: Wir alle leben in Blasen, weil wir, zum Teil gesteuert durch Algorithmen zum Beispiel bei der Googlesuche, vorwiegend mit den Informationen konfrontiert werden, die wir zu erwarten scheinen. Dann entsteht der Eindruck, dass hinter dem eigenen Ereignishorizont, außerhalb der eigenen Blase sozusagen, irgendetwas Schlimmes passiert.

Wie ist denn generell das Verhältnis zwischen Social Media und den etablierten Medien?
Thurman: Die Zeitungen haben einen Großteil der Einnahmen aus dem Anzeigengeschäft an den digitalen Bereich verloren. Die Verlage sind daran interessiert, auch dort ihre redaktionellen Inhalte zu platzieren, um eine größere Öffentlichkeit zu erreichen. Facebook versucht so viele Inhalte wie möglich auf seine Plattform zu bekommen, um ein „One-Stop-Shop” zu werden. Es bietet Verlagen daher an, ihre Inhalte zu veröffentlichen und die Anzeigeneinnahmen zu teilen. Das ist gut für Facebook, aber nicht unbedingt für die traditionellen Medien.

Hanitzsch: Es findet im Augenblick eine fundamentale Umwälzung statt. Wir, die wir alle hier am Tisch sitzen, gehören ja nicht zu den sogenannten „digital natives“, sondern haben im Laufe der Zeit gelernt, mit den neuen Medien umzugehen. Meine Kinder leben in dieser neuen Medienwelt und für sie macht es überhaupt keinen Unterschied, ob Informationen über Social Media transportiert werden oder über die klassischen Medien, die ja mittlerweile auch auf sozialen Netzwerken aktiv sind.

Fröhlich: Für mich ist es eben nicht egal, über welchen Kanal eine Nachricht kommt. Es gibt den professionellen Journalismus, der aus guten Gründen unter einer ganzen Reihe von Schutzrechten steht, wie zum Beispiel dem Zeugnisverweigerungsrecht. Und es gibt Blogger, Privatpersonen, die sich manchmal Journalist nennen – der Beruf ist ja nicht geschützt –, die verbreiten können, was sie wollen. Das Problem ist, dass unbedarfte Rezipienten, und dazu zählen zunehmend auch Erwachsene, keinen Unterschied machen zwischen der Qualität eines professionellen journalistisch recherchierten Inhalts einerseits und einem Blogeintrag.

Wir sehen uns alle ja heute einem Überfluss an Informationen gegenüber. Wie gehen die Medien damit um, um überhaupt noch Aufmerksamkeit zu bekommen? Ist die Personalisierung von Nachrichten eine Lösung?
Thurman: Die Medien versuchen schon seit Jahrzehnten, Inhalte für ihre Leser oder Zuschauer zu personalisieren. Das baut normalerweise auf den Interessen der Empfänger auf. Das klappt gut bei Musik, Filmen und beim Online-Shopping. Aber es ist schwierig vorherzusagen, welche Nachrichten jemanden in der nächsten Woche interessieren werden. Wenn Sie vor ein paar Jahren die Frage gestellt hätten: „Interessieren Sie sich für Vulkane?”, hätten viele Nein gesagt. Seit dem Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull, der den internationalen Flugverkehr lahmlegte, ist das anders. Aber es ändert sich gerade etwas bei der Personalisierung, weil immer mehr Informationen über die sozialen Netzwerke gelesen werden. Facebook personalisiert diesen Nachrichtenstrom und beeinflusst damit, was bei den Nutzern ankommt. Erinnern Sie sich an den Skandal, als herauskam, dass Facebook in die Themenauswahl eingreift.

Fröhlich: Ich stelle mir manchmal die Frage nach der Henne und dem Ei: Ist der sogenannte Information Overkill natürlicherweise da, weil sich die Welt globalisiert und durch die digitalen Technologien der Nachrichtenfluss beschleunigt hat, oder gibt es ein Geschäftsmodell dahinter? Wenn ich personalisierte Nachrichten anbieten möchte, was mittlerweile auch der Bayerische Rundfunk und sehr viele Online-Zeitungen machen, dann muss ich ja eine viel größere Bandbreite an Informationen haben, um damit diese ganzen unterschiedlichen Profile von Nutzern bedienen zu können. Wer treibt da eigentlich wen?

Hanitzsch: Man kann natürlich argumentieren, dass sich das Wissen über die Welt insgesamt in gewissen Zeitabschnitten, die, glaube ich, bei sieben Jahren liegen, verdoppelt. Der entscheidende Unterschied ist aber, dass wir heute relativ schnell auf ein umfangreiches Arsenal von Informationen Zugriff haben. In den guten alten Zeiten waren die Journalisten diejenigen, die uns gesagt haben, wie die Welt funktioniert. Heute haben wir aber oft dieselben Informationen wie sie. Das hat natürlich zur Konsequenz, dass sich ihre Tätigkeitsbeschreibung verändern muss und zum Teil schon stark verändert hat. Oft wird über „Journalisten als Kuratoren“ diskutiert, wo es eher darum geht, Informationen zu ordnen. Insofern ist der Journalist oder die Journalistin jemand, der einem die Welt erklärt und das Geschehen in einen größeren Kontext einordnet, der sowohl die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft einschließt. Gute Journalisten sind heute diejenigen, die das gut können.

Fröhlich: Außerdem darf man nicht vergessen, dass die Informationsfülle gerade im Internet auch eine positive Seite hat. Ich war schon immer davon beeindruckt, wie schnell Falschmeldungen im Netz korrigiert werden. Es gibt zum Beispiel eine Gruppe junger Menschen, die sich im Rahmen des Netzwerks „Cooperation and Development Network Eastern Europe” um den Ukrainekonflikt herum gegründet hat. Sie hat die Pressefotos, die beide Seiten über Panzerbewegungen in die Welt gesetzt haben, mit ganz besonderer Technik untersucht und nachgewiesen, dass die Bilder teilweise 15 Jahre alt waren und aus völlig anderen Konflikten stammten. Das zu erkennen oder zumindest damit zu rechnen, fordert von den Nutzern mittlerweile ein hohes Know-how. Wenn Medienkompetenz jemals wichtig war in unserer Welt, dann heute.

Hanitzsch: In guten Redaktionen gibt es ganze Heerscharen von Journalisten, die nur damit beschäftigt sind, zu verifizieren, ob das Material authentisch ist. Gerade im Syrienkonflikt wurde den Medien sehr häufig von beiden Seiten Filmmaterial zugespielt, auch im israelisch-palästinensischen Konflikt gibt es das sehr oft. Ich glaube, das ist eine Kompetenz, die wir von Journalisten noch stärker einfordern müssen, weil das der normale User nicht leisten kann.

Fröhlich: Das kostet aber Geld.

Hanitzsch: Deswegen ist natürlich die Erwartung verkehrt, dass man einen guten Journalismus im Netz zum Nulltarif bekommt. Ich fand das schon immer sehr eigenartig, dass ausgerechnet bei einem so wichtigen Kulturgut wie Journalismus, von dem es heißt, Demokratie könne ohne ihn nicht funktionieren, verlangt wird, es solle sich irgendwie selbst finanzieren.

Weiter mit Seite 2: Einige Zeitungen haben nach einer langen Phase der Unentschlossenheit auf ihren Onlineseiten Bezahlschranken errichtet und verkaufen einen Teil des Contents. Wird sich das jetzt doch noch etablieren?

 

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