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EINSICHTEN. Das Forschungsmagazin

Erreger und Eroberer

München, 29.07.2016

Aus dem Urwald in die urbanen Zentren: Mit der Globalisierung verbreiten sich bislang unbekannte Viren um die Welt. LMU-Forscher Gerd Sutter konstruiert Impfstoffe gegen die neuen Seuchen.

Machtkampf in der Megacity: Das MERS-Virus legte das öffentliche Leben lahm, Seoul, Südkorea, Juni 2015. (Foto: Lee Jin-man/Picture Alliance/AP Photo)

Der Tag, an dem die Seuche die Welt erobert, lässt sich genau datieren: Es ist der 21. Februar 2003. Der Mann, den die Experten später „Superspreader“ nennen, hat in einem Hotel in Hongkong eingecheckt. Doch der Gast auf Zimmer 911 fühlt sich schlecht, er fiebert, er hustet, am nächsten Morgen schleppt er sich ins Krankenhaus. Er kommt also nicht viel herum in der großen Stadt, und trotzdem steckt er dabei 16 Menschen an, mit einem Erreger, der seit Monaten dort grassiert, wo der Mann herkommt: in der Provinz Guangdong, keine 200 Kilometer entfernt. Später bürgert sich für die Erkrankung das Kürzel SARS ein, es steht für die hilflos-wolkige Umschreibung der Symptomatik: „Schweres Akutes Respiratorisches Syndrom“; man kennt zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal den Erreger.

Binnen zwölf Stunden tragen die 16 Infizierten das Virus von Hongkong aus in die Welt, nach Vietnam, Singapur und Kanada. Von dort erreicht es in den folgenden Tagen und Wochen rund 30 Länder auf sechs Kontinenten. Fast 8500 Menschen erkranken, mehr als 900 sterben. Rund die Hälfte aller Fälle weltweit, so können Seuchenexperten später die Infektionsketten rekonstruieren, gehen auf den Gast auf 911 zurück. Auch er, selbst Arzt, überlebt nicht.

„Jedem war mit einem Schlag klar, wie schnell Krankheitserreger in der modernen Welt um den Globus kommen“, sagt Gerd Sutter, Professor für Virologie an der LMU. Die Welt ist ein riesiges Netz wirtschaftlicher Verflechtungen, Geschäftsleute sind heute in Hongkong, morgen in London und übermorgen in New York, dazu kommen die Touristenströme. Rund 35 Millionen Flugbewegungen pro Jahr – „Flughäfen sind längst auch zu Brennpunkten der Infektiologie geworden.“

„Da lässt sich tatsächlich eine Beschleunigung erkennen“
Schneller als das Virus verbreitete sich nur die Angst vor SARS. Als sich kurz darauf auch noch herausstellte, dass es zu den sogenannten Coronaviren gehört, die bis dahin als äußerst harmlos galten, war dies nicht dazu angetan, die Furcht vor neuen Erregern und Seuchen zu dämpfen. Viele stornierten ihre Reisen, die Airlines hatten ein schlechtes Jahr, das öffentliche Leben in den betroffenen Ländern war lahmgelegt, die Wirtschaft brach ein. Die Medien auch hierzulande waren voll mit dem Kürzel SARS, selbst wenn es in Deutschland keinen einzigen Todesfall zu verzeichnen gab. Noch zehn Jahre später brachten die Blätter Chroniken aus der Zeit, „als der Tod um die Welt flog“.

Dabei war SARS nur die erste weltumspannende Seuche des neuen Jahrtausends. Ein knappes Jahr später sorgte die Vogelgrippe für Aufregung, dann kamen die Schweinegrippe, die schwere Atemwegserkrankung MERS und schließlich die Ebola-Epidemie in Westafrika. Als neueste Bedrohung gilt das sogenannte Zika-Virus, das derzeit vor allem in Südamerika grassiert. Immer schneller dreht sich das Karussell der neuen Krankheiten – dieser Eindruck ist nicht das Ergebnis erhöhter Aufmerksamkeit oder gar medial geschürter Hysterie. „Da lässt sich tatsächlich eine Beschleunigung erkennen“, bestätigt Sutter.

Die Globalisierung lässt die Welt immer enger zusammenrücken; die Ausbreitung von Viren und Seuchen gehört offenbar dazu wie Handelsströme und Hotelketten. Woher stammen all die „neuen“ Erreger? Was macht unter Umständen zuvor harmlose Viren scharf? Stets ist es eine Verkettung von Zufällen und Zwangsläufigkeiten, die die Expansion vorantreibt. Was kann die Eskalation verhindern? Gibt es verlässliche Strategien, um Impfstoffe zu entwickeln?

Das sind einige der Fragen, die sich Gerd Sutter stellt. Der Virologe arbeitet am Institut für Infektionsmedizin und Zoonosen der Tierärztlichen Fakultät der LMU. Rund zwei Drittel aller beim Menschen neu auftretenden Erreger stammen ursprünglich von Tieren, und oft sind sie für diese harmlos, zwischen Virus und Wirt hat sich in Jahrmillionen eine Art Gleichgewicht eingestellt. In gewisser Weise bedeutet Sutters Forschung eine Akzentverschiebung, sozusagen von der Veterinär- zur Humanmedizin: Der LMU-Wissenschaftler arbeitet erfolgreich am Design von Impfstoffen, die Menschen vor Zoonosen wie SARS, MERS, Vogelgrippe oder Ebola schützen sollen. Als Impfstoff-Forscher ist er mittlerweile weltweit gefragt.

Schwere Missbildungen bei Säuglingen
Erst vor ein paar Monaten haben Wissenschaftler für die Weltgesundheitsorganisation WHO eine Art Hitliste der Bedrohung aufgestellt. Der Expertenkreis hat, wenn man so will, die „Hateful 8“ unter den Viren benannt, solche, die für tödliche Infektionen stehen: Neben den SARS- und MERS-Coronaviren sind es das Ebola- und das verwandte Marburgvirus, die beide ein hämorrhagisches Fieber mit schweren inneren Blutungen auslösen. Eine ähnliche Symptomatik haben Krim-Kongo-, Lassa- und Rift-Valley-Fieber, das Nipah-Fieber führt unter Umständen zu schweren Hirnhautentzündungen.

Für Aufregung sorgt im Moment das Zika-Virus, es steht in mittlerweile begründetem Verdacht, schwere Missbildungen bei Säuglingen hervorzurufen. Bei Erwachsenen verläuft eine Infektion im Normalfall recht milde: ein Hautausschlag, Kopf-, Gelenk- und Muskelschmerzen, womöglich eine Bindehautentzündung, mehr nicht. Aber Schwangere, die die Ansteckung mitunter gar nicht bemerken, können die Viren an das Ungeborene weitergeben. In Einzelfällen, berichten die Gesundheitsbehörden in Brasilien, kommen die Kinder mit einer Mikrozephalie, einer Fehlbildung von Schädel und Gehirn zur Welt. Vielleicht infizieren die Viren gezielt neuronale Vorläuferzellen, die sich normalerweise zur Großhirnrinde entwickeln.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO jedenfalls hat im Februar eine „gesundheitliche Notlage von internationaler Tragweite“ erklärt. Mit Sorge verfolgen die Behörden die rasche Ausbreitung des Zika-Virus in Süd- und Mittelamerika. In Brasilien herrscht derweil Krieg gegen den Erreger: Hunderttausende Soldaten versuchten, mit Insektiziden und Aufklärungskampagnen gegen die Mücken vorzugehen, die das Virus übertragen. „Möglicherweise gelangte das Virus während eines internationalen Sportevents 2014“, vulgo Fußball-WM, „nach Südamerika“, heißt es in einem Bulletin des Robert-Koch-Institutes (RKI), das bundesweit für die Überwachung von Infektionserkrankungen zuständig ist. „Eine interessante Spekulation“, sagt Sutter vorsichtig.

Weiter mit Seite 2: Eine genetische Heimstatt

 

 

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Die neue Einsichten-Ausgabe ist ein Heft über Globalisierung und Migration. Wie die Welt zusammenrückt, untersuchen LMU-Forscher aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln. Der Soziologe Stephan Lessenich und der Volkswirt Uwe Sunde debattieren im LMU-Forschungsmagazin über den Zusammenhang von Weltwirtschaft und Wohlstandsgefälle. Der Volkswirt Gabriel Felbermayr simuliert mit komplexen Modellrechnungen die potenziellen Auswirkungen internationaler Handelsabkommen wie des heiß umkämpften TTIP. Die Mathematikerin Francesca Biagini versucht mithilfe von Modellen, Spekulationsblasen an den internationalen Finanzmärkten zu entdecken. Der Soziologe Armin Nassehi betrachtet das Einwanderungsland Deutschland und die aktuelle Stimmungslage, die zwischen „Willkommenskultur“ und Ressentiment schwankt. Die Kunsthistorikerin Burcu Dogramaci analysiert, wie Künstler das Thema Migration aufgreifen und der Literaturwissenschaftler Robert Stockhammer reflektiert am Beispiel Afrikas, welche Funktion das Literarische in Prozessen der Globalisierung hat.

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