Ludwig-Maximilians-Universität München
print

Links und Funktionen
Sprachumschaltung

Navigationspfad


Inhaltsbereich

Interview

Kann Wut gut sein?

München, 19.12.2017

In der aktuellen Ausgabe des Forschungsmagazins Einsichten analysieren LMU-Wissenschaftler Wut als Zeitphänomen. Philosophieprofessorin Monika Betzler betrachtet Wut aus moralischer Sicht: Inwieweit kann es berechtigt sein, diese Emotion auszuleben?

Wie weit darf Protest gehen? „Sobald er anderen, womöglich auch noch Unbeteiligten, großen Schaden zufügt, kann er moralisch nicht gerechtfertigt sein“, sagt Monika Betzler. Das Foto zeigt eine Demonstration gegen Reformen auf dem Arbeitsmarkt in Frankreich (Foto: picture alliance / NurPhoto)

Wer die Frage „Kann Wut gut sein?“ im Internet in eine Suchmaschine eingibt, erfährt Widersprüchliches: Wer Wut rauslässt, befreit sich nicht wirklich, aber sie runterzuschlucken ist ungesund. Wie sehen Sie das als Philosophin?
Betzler: So negativ sie als Emotion ist und so unschön es auch sein mag, sie zu erfahren: Wut kann eine begründete Reaktion sein und spiegelt als solche dann die Wirklichkeit. Mit Emotionen, auch negativen wie der Wut, reagieren wir auf Sachverhalte oder eine Situation und geben damit eine Bewertung ab. Ist sie begründet, dann ist daran erst einmal nichts Schlechtes, weil sie dann eine angemessene Regung ist. Und das spricht schon einmal dagegen, sie einfach zu unterdrücken. Die weitere Frage ist dann: Wie gehe ich mit dieser an sich angemessenen Emotion um? Wie weit darf ich sie ausleben, ohne anderen zu schaden?

Es wird unter anderem behauptet, dass in Büros, wo Wut und Aggression nicht runtergeschluckt werden müssen, die kreativeren Teams arbeiten. Was kann Wut an Positivem freisetzen?
Gerade in sozialen Zusammenhängen wie am Arbeitsplatz, stellt sich die Frage, wie man mit Wut auf eine Art umgehen kann, die dem sozialen Miteinander nicht völlig abträglich ist. Den Satz, dass ein Ausleben der Wut notwendig zu mehr Kreativität im Team führt, würde ich nicht unbedingt unterschreiben. Denn sie führt leicht zur Verletzung Anderer und was daran kreativ sein soll, ist mir nicht unmittelbar einsichtig. Andererseits: Ich habe neun Jahre in der Schweiz gelebt, in der starke oder gar überschießende Emotionen eindeutig negativ sanktioniert sind. Das führt dazu, dass dort eine Streitkultur wenig entwickelt ist und viel sublimiert wird. Und das kann bedeuten, dass wichtige Kontroversen nicht ausgetragen werden. Ich glaube, da sollten wir unsere Emotionen ernst nehmen, weil sie uns Gründe aufspüren lassen für das, was schiefläuft. Aber wir müssen auch lernen, mit einer gewissen reflektierten Distanz zu unseren Emotionen mit anderen zu kommunizieren. Es gibt wenige Orte, an denen so etwas trainiert wird, wenn wir es nicht in der Familie lernen.

Wo sind die Grenzen des Auslebens?
Es ist in der Regel nicht so hilfreich für das soziale Miteinander, auch für einen selbst nicht, die Wut ungefiltert auszuagieren. Man emotionalisiert die Dinge zu sehr, man wird ungerecht und respektlos. Und daher ist es wichtig, eine Art roter Linie einzuziehen. Diesen – ich nenne es einmal tugendhaften – Umgang mit negativen Emotionen muss man regelrecht trainieren.

Aber wenn jemand nun „die Sau rauslässt“, ist das aus einem berechtigten Grund besser als aus einem unberechtigten Anlass?
Gute Frage. Man könnte etwa meinen: Wenn die Wut berechtigt ist, ist es eher in Ordnung, sie herauszulassen. Aber die Frage hat eine weitere Dimension. So berechtigt die Wut im Einzelfall auch sein mag, auch hier gilt so etwas wie das Gebot der Verhältnismäßigkeit. Doch natürlich lassen sich hier Ausnahmen denken, vor allem, wenn es um soziale Probleme geht: Es gibt gesellschaftliche Konstellationen, die von starker Unterdrückung und Benachteiligung geprägt sind, so dass Betroffenen kaum mehr eine andere Form des Protestes bleibt, als der Wut freien Lauf zu lassen. Dafür tragen aber dann nicht sie die Schuld, dann sind es die Verhältnisse. Dann ist es das Problem des sozialen Kontextes, der solche massiven Ungleichheiten zulässt.

Was dürfen die Betroffenen da mit ihrer Wut machen? Dürfen sie unter bestimmten Umständen die zivilisierten Umgangsformen vergessen?
Ich zögere zu sagen, dass dies berechtigt ist. Wahrscheinlich läuft es auf einen Abwägungsprozess hinaus: Wie weit geht die Diskriminierung? Wie stark sind die Bürgerrechte beschnitten? Davon hängt auch ab, wie weit der Protest gehen darf. Aber sobald er anderen, womöglich auch noch Unbeteiligten, großen Schaden zufügt, kann er moralisch nicht gerechtfertigt sein. Es gilt einfach zu bedenken, dass es gesellschaftliche Verhältnisse geben kann, die so unfair sind, dass Wut – und zwar auch ausgelebte Wut – für viele die einzige Möglichkeit ist, darauf angemessen zu reagieren. In solchen Fällen scheint das Ausleben von Wut zumindest verständlicher, wenn auch nicht in jeder Form entschuldbar. Für die Betroffenen gilt, die Wut unterdrückter Gruppen ernst zu nehmen und als angemessene Reaktion auf Verhältnisse zu verstehen, die einer Veränderung bedürfen.

Wenn Wut etwas unbestritten Gutes durchsetzen hilft, was darf Protest dann? Kann der Zweck also die Mittel heiligen?
Da muss man sehr vorsichtig sein. Es wäre ja absurd, wenn man aus Wut und im Namen der Menschenrechte einzelnen anderen die Menschenrechte absprechen dürfte.

Es gibt 1000 Gründe für politischen Protest – von der Fahrpreiserhöhung bis zum Elend in der Dritten Welt. Lässt sich da nach guten und schlechten Gründen sortieren?
Haben wir gute Gründe, über jedes Übel in der Welt wütend zu sein? An sich haben Emotionen die biologische Funktion, unsere unmittelbare physische und auch psychosoziale Bedrohung registrieren zu helfen. Und es ist die Frage, ob alles Schlechte, das um uns herum geschieht, eine Bedrohung für uns darstellt. Wenn das nicht so ist, dann ist Wut keine angemessene, sondern eher eine übertriebene Reaktion. Zudem gibt es ja so etwas wie emotionale Erschöpfung, die nicht nur bei positiven Emotionen wie Empathie auftreten kann. Es ist auch psychologisch schwer, über alles Mögliche, das uns womöglich gar nicht unmittelbar betrifft, wütend zu sein.

In vielen Fällen geht es bei wütendem Protest nicht um eigene Interessen, sondern um den Versuch, für die zu sprechen, die ohne Stimme sind. Macht das moralisch einen Unterschied?
Das muss moralisch keinen Unterschied machen. Ich kann immer unangemessen wütend sein, ob für mich oder für andere. Doch selbst wenn Wut angemessen ist, so stellt sich immer noch die Frage, ob sie ein probates Mittel ist, um an Stelle anderer und für andere Veränderungen durchzusetzen. Hierbei gilt nicht nur zu fragen, ob sie als Mittel nützlich ist, sondern auch moralisch zu rechtfertigen. Das mag zum einen vom Ziel abhängen, dem die Wut dient, aber auch davon, wie sehr die Wut anderen schadet. Wenn wir etwa an derzeit wieder vermehrt auftretende Hassreden denken, so scheint es schwer vorstellbar, dass dies ein moralisch rechtfertigbares Mittel ist.

Professor BetzlerProf. Dr. Monika Betzler ist Inhaberin des Lehrstuhls für Philosophie V – Praktische Philosophie und Ethik an der LMU.

 

 

 

 

EINSICHTEN 02 / 2017Einsichten. Das Forschungsmagazin ist im Dezember mit dem Schwerpunkt „Wut“ erschienen. Die beiden Kommunikationswissenschaftler Christoph Neuberger und Carsten Reinemann sprechen darin über das Phänomen Hate Speech, den Hass, der in Form wüster Beschimpfungen bis hin zu Todesdrohungen, das Internet überflutet. Wie Wut überhaupt entsteht und wozu es führen kann, wenn Kinder nicht lernen, mit diesem Gefühl umzugehen, erläutern der Psychologe Markus Paulus und der Mediziner Gerd Schulte-Körne. Weitere Themen sind unter anderem der strukturelle Rassismus in der US-Gesellschaft sowie der Dauerkonflikt zwischen Indien und Pakistan.

Einsichten. Das Forschungsmagazin abonnieren